Pamphletlitteratur.
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es sein Beruf, als geschickter Schachkünstler elegant geschnitzte Lustspiel-siguren auf dem Brett hin- und herzuschieben („Pitt nnd Fox" 1865)und daneben umfangreiche literarhistorische und ästhetische Werke(„Die deutsche Nationallitteratur in der ersten Hälfte des 19. Jahr-hunderts" 1855, „Poetik" 1858) mit einer erstaunlichen Fülle charak-teristischer Epitheta auszustatten. Damals aber (1848) schrieb auchRudolf Gottschall blutige Barrikadenlieder. Friedrich Hebbel verfaßtepolitische Gedichte und Otto Ludwig und Gottfried Keller und alleWelt. Fast immer wurden lyrische Formen gewählt; nur Rein-hold Solger (1820—1866) aus Stettin , ein Freund der „Ber-liner Freien" nm Max Stirner , versuchte sich (1845—1846) in einemsatirischen Epos: „Hans von Katzensingen", das in den Stanzen vonByrons „Childe Harold" und „Don Juan" das „Militärs unkertnm"parodierte. Es ist nicht über zwei Gesänge hinausgekommen.
Gern wählte dagegen die Satire, wie in den aufgeregtenKämpfen der Reformationszeit, prosaische Form. Deshalb lagertsich breit nm die poetische Lyrik jener Tage eine umfangreichePamphletlitteratur. Wir nehmen das Wort hier im allge-meinsten Sinne: ueben sehr bösen, persönlichen „Pamphleten" stehensehr ernste und bedeutsame Flugschriften: wir erinnern nur an dieberühmten beiden Staatsschriften von Johann Jacoby (1805—1877), dem „Königsberger Jakobiner" („Vier Fragen" 1841) undHeinrich Simon aus Breslau (1805—1860), dem bewundertenVetter der Fanny Lewald („Annehmen oder Ablehne,??" 1847).Scharf und klar geschrieben, sind sie doch zu trocken, um litte-rarischen Wert zu haben. Aber I. H. Detmold (1807—1856),1849 Neichsjnstizminister, ein kleiner, etwas verwachsener Mann,dessen Kopf ein wenig an Renan erinnert, schrieb (1843) die inihrer Art klassischen beiden Satiren „Randzeichnungen", deren erstedie Ängstlichkeit des eingeschüchterten Philisterliberalismus köstlichpcrsiffliert, parodierte (1849) in den (von dem Maler AdolfSchrvdter illustrierten) „Thaten und Meinungen des Herrn Piep-meyer, Abgeordneten zur konstituierenden Nationalversammlung"die wetterwendische Popularitätshascherei gewisser Volksvertreter undmachte sich in der „Anleitung zur Kunstkennerschaft oder Kunst indrei Stunden ein Kenner zu werden" (1834) über die unreifeKunstliebhaberei und Kunstkritik lnstig, die mit den überall ver-anstalteten Ausstellungen erwachte. Ein anderes hervorragendesMitglied der Paulskirche, Karl Vogt (1817—1895), schrieb
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