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gegen den Göttinger Physiologen Rudolf Wagner das vernichtendePamphlet „Köhlerglaube und Wissenschaft" (1855), das nichtnur als Wendepunkt in der Abgrenzung zwischen Naturforschungund Theologie kulturhistorische Bedeutung hat, sondern auch reinschriftstellerisch durch den Ernst seines Pathos wie die Kraft seinerSatire eines Lessing nicht ganz unwürdig wäre. Jahrzehnte langdauerte diese Blüte des Pamphlets an. Die Theologie zeitigte dieglänzenden Streitschristen von D. Fr. Strauß (1808—1874)(„Die Halben und die Ganzen" 1865) und Johannes Ronges(1813—1887) feurigen „Offenen Brief " (1844), die Ästhetik dieetwas zu stark polternden Aufsätze Fr. Th. Wischers (1807—1887:„Mode und Cynismus" 1878). Einen stark persönlichen Charaktertragen die Pamphlete, die Ferdinand Lassalle (1825—1864)gegen den Literarhistoriker Julian Schmidt (1862) und gegen denNationalökonomen Schulze-Delitzsch (1864) schrieb. Wir erinnernnoch an den ultramontanen Polemiker Sebastian Brunner (1814—1893) mit seinen satirischen Romanen und Gedichten und angeblichlitterarhistorischen Pamphleten, die an Rücksichtslosigkeit des Tons denstärksten Leistuugen der Radikalen nichts nachgeben und in der Art,wie sie mit den Thatsachen umspringen, sie übertreffen. Alban Stolz schrieb noch Erbauungsschriften, kurze Traktätchen, die, selbst wo siepolemisch waren, vor allem positiv gemeint sind; jetzt war der Tonder wesentlich negativen Pamphlete auch hier eingedrungen. Ja erließ das Gebiet der wissenschaftlichen Darstellung nicht unberührt.Auch seine populären Vorträge aus der Zoologie würzte Karl Vogt mit witzigen politischen Anspielungen („Ocean und Mittelmeer" 1848,„Untersuchungen über Tierstaaten" 1851), und der große Ministervon Roon ließ in einen Leitfaden für Schüler Bemerkungen ein-stießen wie über Spanien und Portugal : „In beiden Staatenkonstitutionell-monarchische Versassungen, deren Inhalt zwar durchEide und Paragraphen, weniger aber durch die Natur der Ver-hältnisse garantiert und daher bis in die neueste Zeit häufigenVeränderungen unterworfen ist". („Anfangsgründe der Erd-, Vvlkcr-und Staatenkunde", 12. Auflage 1868).
All diese Männer in allen Lagern haben von Heine und be-sonders von Börue gelernt; dennoch ist ihr Stil ein wesentlichanderer. Statt des Schwelgens in geistreichen Arabesken, wie vorallem Gutzkow es fortsetzte, ist jetzt ein scharf und schnell zumZiel gehender Stil herrschend. Der Klassiker des Pamphlets, der