Der „Kladderadatsch". 357
Franzose Paul Louis Courier (1772—1825) mit seinen kleinenSatiren gegen den „weißen Schrecken" der legitimistischen Restau-ration und sein Landsmann, der geistvolle Nationalökonom Bastiat (1801—1850) mit seiner Polemik gegen die Schutzzöllner haben wohlnur etwa auf Ludwig Bamberger (1823—1899) aus Mainz eingewirkt, der in dieser Schule zum Meister des politischen undnationalökonomischen Essais aufwuchs und später besonders in derZeitschrift „Die Nation" (seit 1888) Schüler heranbildete; beiden anderen war es eben der zuuehmeude Ernst der Lage selbst, derden Luxus überflüssiger Geistreichigkeiten abwerfen ließ. Der „Esprit"trat zurück — der Witz trat vor. Auch die parlamentarische Dis-kussion mit ihrem Bedürfnis nach rascher Wirkung hals. So ent-standen in den Jahrzehnten nach 1840 all jene glänzenden, oftfreilich auch nur blendenden kurzen Flugschriften von überwiegendsatirischem Charakter, deren das Junge Deutschland nicht fähiggewesen wäre nnd derengleichen man erst wieder in der Zeit dertheologischen Kämpfe Lessings und der litterarischen des jungenGoethe trifft. Sie wurden mit Leidenschaft gelesen, gingen vonHaud zu Hand, wurden diskutiert und auf Einzelheiten bewundert:sie wirkten, wo noch D. Fr. Strauß' „Romantiker auf dem Thronder Cäsaren" nur ergötzt hatte. In dieser Luft entstanden dieneuen Witzblätter, vor allem (1848) der „Kladderadatsch", derunter der glänzenden Leitung des witzigen Humoristen und Possen-dichters David Kalisch (1820—1872), des geistreichen, form-gewandten und eleganten Satirikers Ernst Dohm (1819—1883)und des liebenswürdigen heitereu Dichters Rudolf Löwenstein (1819—1891) jahrzehntelang wohl unbestritten das beste Witz-blatt der Welt war; an Mannigfaltigkeit der Behandlung, sichererSchlagkraft der Satire, Kraft des Pathos, wo es not that, vorallem aber in dem Talent, typische Figuren zu schaffen, ließ ernicht nur die deutschen, sondern auch die französischen und eng-lischen Nebenbuhler weit zurück, zum Teil durch das Verdienst dessonst wohl überschützten Zeichners Wilhelm Scholz . Wie weitübertraf dies Kind der Revolutionszeit seinen zahmen Vorläufer,den „Don Quixote" (1832) des Berliner Humoristen AdolfGlaßbrenn er (1810—1876), der zuerst den Berliner Witz zuallgemeinerer Geltung brachte und ihm in dem „Eckensteher Nante "einen typischen Vertreter erschuf. Es ist richtig, daß der „Kladdera-datsch" vorzugsweise den Wortwitz Pflegte — über den übrigens