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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
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358
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358 1840-18S0.

die geistvollsten Franzosen und Engländer nicht so verächtlich urteilenwie bei uns die witzlosesten Doktrinäre; aber er brachte ihn auch zueiner gewissen klassischen Höhe. Es wäre Heines nicht unwürdig ge-wesen, was er über den knrhessischen Minister Hassenpflug bemerkte:Hassenpslug bildet seit längerer Zeit den Knotenpunkt der deutschenVerwickelungen. Wann wird man sich endlich entschließen, diesenKnoten entweder gewaltsam durchzuhauen oder auf friedlichem Wegeaufzuknüpfen?" Und wie weise entschieden die Gelehrten desKlad-deradatsch" ein andermal die viel diskutierten Rangstreitigkeiten derHeidelberger Professoren Knies und Schenkel mit salomonischerWeisheit dahin, daß der Schenkel immer oberhalb des Knies zusitzen habe.. .

Die Luft war wirklichmit Elektricität gesättigt". Überallblitzte es, und für den etwas übcrgründlichen Geist der Deutschenwar diese Gewitterluft heilsam, ja unentbehrlich zur Schulung.Wer wird aus litterarischem Interesse die Staatsschriften lesen, dieuach Gentz geschrieben wurden? Jetzt aber lernte in dieser AtmosphäreOtto von Bismarck (18151898), daß eine wirksame Formauch dem solidesten Inhalt nicht schaden kann; unter den Einflüssendieserkleinen Litteratur" bildete der größte Staatsmann des neun-zehnten Jahrhunderts den funkelnden, blitzenden Stil seiner Ge-sandtschaftsberichte und Miuistcrnoten aus. Es war eine Zeit, diedie französische Kunst, mit wirksamen Schlagworten zu fechten, ingefährlicher Weise gelernt hatte. Wie Herweghs Dichtung fast nurSchlagwortpoesie ist, sahen wir schon; bei den Rednern geht dieSucht noch weiter. Freilich gelangen dabei glänzende Parolenwie Stahls FeldrufAutorität, nicht Majorität". Dann folgtejedesmal stürmischer Beifall auf der einen, wütendes Zischen aufder anderen Seite. Bismarck hat sich wohl von den Schlagwortenauch der eigenen Partei nicht sonderlich imponieren lassen, wie erdenn gegen dieLegitimität" und denKampf gegen die Revolution"seines Freundes und Lehrers Leopold von Gerlach früh mancheseinzuwenden hat; welche Bedeutung aber solche Formulierungenals Kampfmittel haben, hat der große Redner wie nur einer ge-lernt, und manches Mal, wenn solche Anpassung an den Geschmackeiner Versammlung ihm das dnrchbringen half, was er durch-bringen mußte, mag er im Geist seinen Lehrern, denAchtund-vierzigern" aus beiden Heerlagern, gedankt haben.

Wir sind mit Bismarck schon bei der Reaktion angelangt,