440 1840—18S0.
Moral, der „Festzug in Zürich " malt wieder Kellers Ideal aus:ganze Männer, die in toller Lust .und rettender That gleich tüchtigihren Posten ausfüllen. Dagegen bleibt seine direkt didaktischeLyrik stark hinter der vieler Zeitgenossen zurück; die Epigrammesind nicht scharf genng geschliffen, die Strafgedichte wie „Die öffent-lichen Verleumder" und „Die Nacht im Zeughause" laufen mitso viel Behagen einen weiten Weg, daß sie erschöpft und matt ansZiel kommen. Sehr schöne Stücke trifft man unter den Natur-liedern. Die Schilderung einer Landschaft als Seelenstimmung istgerade in älteren Liedern (wie „Stille der Nacht", „Unter Sternen"und dem köstlichen „Abendlied") mit zarter Bestimmtheit hin-gezeichnet. Aber später hält es der Dichter dabei nicht aus. Aufein kurzes, prägnantes Naturbild, wie es etwa der von Keller liebe-voll gelobte aargauische Dichter Rudolf Tanner (1794—1849)hinwarf, läßt er in der „Wochenpredigt" eine lustig lehrhafte Anek-dote folgen; oder die Naturstimmung wird ganz in die Handlungaufgelöst, wie in der prächtigen Idylle „Waldfrevel". — PolitischePoesie nimmt überall einen breiten Raum ein, mehr angreifend inder ersten, verteidigend, didaktisch schützend in der letzten Sammlung.
Die letzte Sammlung brachte auch zum erstenmal den „Apo-theker von Chamounix" an das Licht der Öffentlichkeit. Esist ein wundersames Produkt, in der ersten Hälfte eine romantischeTragikomödie, in der zweiten eine sehr geistreiche Litterarsatire.Die Prachtscene, wie der tapfere Lessing mit dem Eisenhaken in dasSchimmelmeer schlägt, gehört zu Kellers genialsten Erfindungen.Das ganze kleine Epos aber, nnter dem Eindruck von Heines „Romanzero" entstanden, lehrt in seiner Art dasselbe wie die „Leutevon Seldwyla ": daß aller Dilettantismus, alles hohle Scheinwesen,mag es sich noch so breit spreizen, schließlich zn schänden wird undnur die Tüchtigkeit ausdauert. In Heine, dem litterarischen „tan-taron äs vice", hatte Keller den künstlerischen Ernst und dasGenie immer anerkannt; aber das Gedicht sollte über ihn hinauszu Lessing führen, um schließlich in einer Apotheose Schillers zugipfeln. Denn dieser Lieblingsheld des Zürcher Meisters vertratihm typisch die unsichtbaren Hüter aller tüchtigen und gedeihlichenGeistesarbeit: „das Gewissen und die Kraft". Sie waren auchdie Schutzgeister seines Lebenswerkes, und wohl mag man ihm dieWorte nachrufen, die er dankbar seinem Freund Baumgartner, demKomponisten seines Schweizer Vaterlandsliedes, über das Grab sang: