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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
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Keller als Dramatiker und Lyriker.

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Oft begegnet der Fehler, daß eine Form oder ein Motiv zu oftwiederholt oder zu lang ausgesponnen wird ein Fehler, derunserem Epiker nur da nahe lag, wo er das Gebiet seiner sicherenHerrschaft verließ. Gerade wo er ganze Reihen bildet, in Sonetten,in LiebeSliedern, in halbepischen Cyklen, zeigt sich bald eine for-melle Ermüdung: die Versglieder werden steif, die Reime trivial.Im ganzen ist die äußere Seite von Kellers Lyrik nicht allzu glück-lich. Die Lyrik ist einem Autodidakten leicht gefährlich: bald singter zu leicht, indem er nur Echo gehörter Klänge bringt, bald zuschwer, weil er sich in die Tradition der Form nicht hineinfindet.Bei Keller zeigt sich ausschließlich das letztere. Die Sprache ringtmit dem Stoff, und nicht immer siegt sie; zuweilen, wie in demSchöngeist" oder demBerliner Weihnachtsmarkt", steckt der In-halt an allen Ecken und Enden störend Kopf und Finger unterder Versdecke hervor. Dem Erzähler, der sich aufhalten kann, woer will, ist die gebundene Marschroute des Gedichts wie die desRomans im Wege; sehr oft zerfällt das Lied ohne Einheit in einloses Geröll sich stoßender Strophen, wie in den meisten NummernderFeueridylle", in denen fast nur das schöne Gedicht vom Apfel-baum innere Geschlossenheit zeigt. Nur die Gedichte, die aus derRolle einer bestimmten, vom Dichter erschauten Figur herausgesungensind, wie der vortrefflicheParteigänger" oder der kräftig satirischeApostatcnmarsch", haben innere Einheit.

Nun zeigt sich freilich ein anderes Bild, wenn wir diese Lyrikstatt auf die Form vor allem auf den Inhalt hin ansehen. Derbeste Teil ist da sicherlich der, der dem Epiker gehört. Eigent-liche Balladen hat Keller merkwürdigerweise erst im angehendenAlter gedichtet; dann sind freilich Perlen wie derHas von Über-lingen" undDer Narr des Herrn von Zimmern" entstanden.Nächstdem stehen die Festlieder am höchsten, nicht nur die eigent-lichen Gelegenheitsgedichte, sondern auch solche einer rein persön-lichen Feststimmnng. So enthält das sonst auch wieder in Kügel-chen zerrinnende GedichtDie Zeit geht nicht" die herrliche Strophe:

An dich, du wunderbare Welt,Du Schönheit ohne End',Anch ich schreib' meinen LiebesbriefAns dieses Pergament.

Gern sind die Festlieder didaktisch, wie auch erzählende Dich-tungen: derSchütz im Stichfieber" schließt prosaisch mit einer