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thun kann, die überall nur „Schönheit" sieht. Wenn Goethe undKeller und gar Grillparzer Realisten heißen sollen, so muß dieneneste Entwickelung der Litteratur als völlig überflüssig, müssenFontane und Hauptmann als ziemlich verdieustlvs augesehen werdennud all dies glauben wir nicht, weil wir eben den eigentlichenRealismus für eine moderne Entwickelung halten.
Als Epiker hat Gottfried Keller klassische Bedeutung. Waser sonst dichtete, tritt so stark daneben zurück, wie etwa Shake-speares Thätigkeit außerhalb des Dramas. Auch im Drama istGottfried Keller ein Bewunderer Schillers , wie vor allem derprachtvolle Aufsatz „Am Mythenstein" (18S9) mit seinen Betrach-tungen über nationales Drama nnd Neubelebung der Bühne lehrt.Er selbst hat sich besonders in der Berliner Zeit viel mit dra-matischen Plänen getragen. Über das erste Stadium kam nur einsragmentarisches Trauerspiel heraus: „Therese" (1851), in Heidel-berg entworfen, von mancherlei Skizzen umgeben. Man kannKellers Biographen zugeben, das; ein Strom von Poesie durch diebeiden Aufzüge flute, die allein ausgeführt sind, kann auch dienächtliche Gartenscene bewundern; daß aber diese langen lyrischenBerichtmonologe, die ungeschickten Mitteilungen der Elisabeth, dieepigrammatisch zugespitzten Spottreden des „gemütlich-schalkhasten"Jakob irgend welche dramatische Anlage verrieten, kann ich nichtfinden.
Viel origineller und bedeutender ist Keller als Lyriker. Wenner in jenem Aufsatz vom Mythenstein klagte: „Ein grauer Strich-regen allzeitig gleichmäßig geschickter Versenmacherei, verdrießlichund fast eintönig, bedeckt das Land" (1860), so enthält dieser Tadelzugleich eine vollkommene negative Charakteristik seiner eigenen Ge-dichte: sie sind alles eher als grau, verdrießlich und eintönig —aber gleichmäßig geschickt gemacht sind sie auch nicht. Neben ein-zelnen Liedern, in denen eine wunderbare Melodie der Sprache er-klingt (wie „Winternacht" nnd „Jugendgedenken"), begegnen rechtzahlreich harte, schwerflüssige Rhythmen, denen man es anhört,daß sie aus Prosa erst in Verse übersetzt sind; nnd jene melo-dischen Strophen selbst haben oft harte, ungefüge Nachfolge. DieJugendgedichte zeigen gelegentlich Heines, selten Freiligraths Ein-fluß in der Form, die späteren nur noch den des Volksliedes, dasin den „Alten Weisen" und der ergreifenden (slavischen Liedernnachgebildeten) „Klage der Magd" sehr glücklich nachgeahmt ist.