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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
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Kellers Entwickelung.

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sehbare Strickstrumpfform", wie er humoristisch sagt, nicht in seinerNatur liegt. In dem freudigen Sammeln, Ausbauen, Gruppierenlag seine unvergleichliche Stärke; ein folgerichtig aufgeschichteterRoman beraubte ihn seiner besten Möglichkeiten. Aber wie TheodorStorm ward er gleichsam wider seinen Willen von dem der Epikinnewohnenden Entwickelungstrieb zu der letzten Stufe epischer Ge-schlossenheit geführt.

Ebenso hat ihn die starke Strömung der Zeit in diesem letztenBnch auch zu einem Realismus geführt, der ihm sonst trotzallem Behagen an realistischen Einzelheiten, das z. B. der roman-tische Idealist Mörike ebenfalls zeigt durchaus fern lag. Seineigenes Bekenntnis in jenem Brief an Auerbach widerspricht zuenergisch den Bemühungen, ihn zumRealisten" stempeln zu wollen.Versteht man darunter nichts weiter, als einen Dichter, derdieWirklichkeit wiedergeben" will, dann Paßt es natürlich auf Keller:aber dann paßt es anch auf den Grafen Schack und auf weneigentlich nicht? Bon der Bearbeitung des Stoffes hängt es ab,welchem Lager ein Dichter zuzuzählen ist. Wer genan wiedergebenwill, was er gesehen hat, und nichts weiter, werdie Wahrheit,die ganze Wahrheit nnd nichts als die Wahrheit" bringen will, derist Realist; wer auf eine bestimmte Tendenz hin dichtet, stilisiert,frei erfindet, der ist es nicht. Man vergleiche nur die Art, wieKeller seine Modelle verwendet, etwa in denMißbrauchten Liebes-briefen" das Ehepaar Stahr-Lewald, das Kätter und Viggi zumVorbild gedient hat, mit der Manier der Goncourt! Nirgendsist Keller ein Realist in dem Sinne, wie Balzac nnd Flaubert,Turgenjew und Tolstoi, wie Fontane und Gerhart Hauptmann es sind.

Es kommt ja scheinbar nicht viel darauf an, ob man einengroßen Dichter einen Realisten oder einen Idealisten nennt; ist erwirklich groß, so wird er keins von beiden ganz sein, und gar beieinem Humoristen, was Keller doch fast in erster Linie ist, mußbeides sich berühren. Aber sür das Verständnis der literarhisto-rischen Entwickelung im ganzen und für das Verständnis einereinzelnen bedeutenden Erscheinung ist es nicht gleichgültig, wohindie Haupttendenz weist. Eine rückschauende Proselyteumacherei drohtheute jeden bedeutenden Autor für den Realismus einznfangen undverwischt damit die Gegensätze und Fortschritte der Entwickelung sobedenklich, wie nur irgend eine schöngeistige Litteraturinalerei es