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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
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Kellers Verhältnis zu älteren Dichtern.

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Mit dem Vaterland und allen FreienGing er stets dem goldnen Licht entgegen;Freiheit, Licht nnd Wahlklang, diesen dreienGalt der Takt von seines Herzens Schlägen.Was er that, das that cr recht mit Fleiß,Und beim Schmieden war sein Eisen heiß.

Unter der Ägide dieser Schutzgeister ist dergrüne Heinrich",das verbummelte Genie, zu dem großen Künstler, dem großenWeisen, dem großen Erzieher seines Volkes geworden. Das Ge-wissen und die Kraft schufen ihn zu einem der originellsten Meisterum, die unsere Litteraturgeschichte kennt. Natürlich hat auch ergelernt: viel von Goethe, dem seine Kunst ungleich mehr verdanktals dem seinem Herzen näher stehenden Schiller . Aber auch Heinehat nicht nur ans seine älteste Lyrik gewirkt; die Revolntionsdichterhaben ihn angeregt; an den Einfluß Feuerbachs und Hettnersmuß nochmals erinnert werden. Überschätzt scheint mir die Be-ziehung Kellers zur Romantik, die über denGrünen Heinrich "kaum hinausreichen wird, das Märchen vonSpiegel dein Kätzchen"noch ausgenommen; und auch derGrüne Heinrich" steht doch vorallem unter dem Zeichen Goethes nnd desWilhelm Meister ".Die eigentlichen Jungdeutschen liebte er nicht, nnd vor allenGutzkow war ihm, wie allen ernsten Künstlern der Zeit, innerlichstzuwider; er schalt seineSprach- und Stilverderberei"; er fandden äußersten Gegensatz zu seiner eigenen hohen Auffassung desSchriftstellerbernfes in diesem Litteratenleben.

Aus Ihrer Schilderung, schrieb er (1875) an seinen nnd Hebbels Be-wunderer Emil Kuh , wird aufs ueue klar, wie schrecklich es ist, wenn einMensch als unreifer Junge, von der Schule weg, unter die Litteraten gehtund bis ins Alter hinein ohne Aufhören, ohne Ausruhen, ohne eine Pauseund Zeit anderer Beschäftigung fortschriftstcllert nnd fortschustert, immerauf dem Marktplatz stehend oder sitzend, wie eine grau gewordene Hökerin,die ihren vierzig- oder fünfzigjährigen Eckplatz hat gleich links neben denFischhändlern.

Die prächtige Briefstelle giebt nebenbei denen Antwort, dieüber Kellers späten Beginn der schriftstellerischen Lanfbahn uudüber die staatsschreiberliche Pause allzusehr jammern.

Dagegen kann der Einfluß seines großen LandsmanneS JeremiasGotthelf nicht leicht überschätzt werden. Vor allem hat Kellerfreilich an ihm negativ gelernt; wie Goethe von Linne bezeugt,eben indem er ihn fortwährend zum Widerspruch aufregte, habeer ihn mächtig gefördert. Wenn der große Humorist ciu Realist