442
1840—1850.
im eigentlichen Sinne nicht geworden ist, mag gerade GotthelfsBeispiel abschreckend mitgewirkt haben. Aber das Echt-Epische desgroßen Realisten, der große Zug, die (freilich in Ton und Artübertreibende) pädagogische Tendenz brachten in dem Schüler, derihn widersprechend bewunderte, verwandte Züge znr Reife.
In der gesunden kräftigen Lebensauffassung, in der Abwehrfalscher Romantik, in der Selbständigkeit der Entwickelung berührtsich mit Gottfried Keller ein anderer Großer, der sonst fast injedem Punkt zu ihm einen Gegensatz oder, besser gesagt, eine Er-gänzung bildet: Theodor Fontane (1819—1898). Wie derSchweizer vor allem Erfinder, so ist der Märker fast ausschließlichBeobachter. Will jener zumeist lehren, so treibt diesen vor allemeine unerschöpfliche Lust zu lernen. Kellers Phantasie schweift durchalle Zeiten; Fontane ist nur in der Neuzeit zu Hause. Keller istein großer Vollender; Fontane ist ein großer Bahnbrecher.
Fontane ist der erste konsequente Realist der deutschen Litteratur.Viele begauuen als Realisten, um dann in idealistische Bahneneinzulenken; so vor allem Schiller und Goethe, so neuerdings OttoLudwig und Gerhart Hauptniann; andere sind aus dem Idealis-mus heraus bis in den Überschwang des Naturalismus geraten,so Georg Büchner und eigentlich auch Christian Grabbe. Fontane war (im litterarischen Sinn!) nie Idealist und nie Naturalist; erist immer ein klarer und fester Realist gewesen und geblieben.
Theodor Fontane (geb. 30. Dezember 1819) ist der klassische„Berliner " der deutschen Litteratur, wenn er auch in Neu-Nuppinin der Mark geboren und erst dreizehn Jahre alt nach der Haupt-stadt gekommen ist, wenn er auch von väterlicher und mütterlicherSeite von Hugenotten abstammt. Er ist der klassische Berliner,wie Raimund der klassische Wiener ist; er und nicht der enge dürf-tige Nicolai.
Fontäne besitzt die wunderbare Ironie des Berliners — eineIronie, die, so paradox es klingt, naiv ist; denn sie ist nichts alsder unwillkürliche Zweifel an der daneben ebenso naiv auftretenden„Überheblichkeit", wie Fontane oft und gern sagt. Sicherlich liegtdem Berliner ein gewisses Überlegenheitsgefühl nahe. Er gehörteiner Stadt an, die im Kampf gegen lauter Antipathien groß ge-worden ist — Autipathien der Regierung und des Junkertums,der Dichter und der konkurrierenden Großstädte, fast möchte mansagen Antipathien anch der Natur, die die Spreestadt so karg