Theodor Fontäne.
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bedachte. In diesem steten Kampf hat Berlin gesiegt, und dasliegt noch heut jedem Berliner in den Knochen. Auch Foutaue,der seinen Freund Lepel zum Organ der eigenen Selbsterkenntnismacht: „Ja Fontan, dn orakelst da mal wieder los. Das macht,dn hast einen merkwürdig naiven Glauben an dich selbst und denkstimmer, du weißt so ziemlich alles am besten. Aber ich kann dirsageu, hiuterm Berge wohnen auch noch Leute." Dies stille Ge-sicht der Superiorität hat der Berliner aber eben erst im Kampfeerworben, und deshalb kennt er im Gründe ganz genau auch seineGrenzen. Niemand kann das schlagender ausdrücken als wiederFontane selbst: „Von meiner Unausreichendheit, meinem Nichtwissentief durchdrungen, sah ich doch deutlich, daß — kaum zu glauben!— das Nichtwissen der anderen wo möglich noch größer war alsdas meinige. So war ich bescheiden und unbescheiden zugleich."Das ist der Berliner, wie er im Buch steht! Er kennt seineSchwächen recht gut; aber er nimmt, da er mit ihnen doch gesiegthat, in aller Naivetat als ausgemacht an, daß er unter den Blinden noch immer der Einäugige sei. Und hierin liegt das eigenartige„LÄetist" der Ironie Fontanes .
Fontane ist aber nicht nur der rechte Berliner — er ist der ersteeigentliche Großstädter in unserer Litteratur, wiederum, obwohler aus Neu-Nuppiu stammt. Schwache Ansätze dazu fanden wirbei Willibald Alexis ; aber Fontane hätte sich nie, wie dieser, ineiner thüringischen Kleinstadt eingraben können. Er hatte einmalden Plan, nach Schmiedeberg überzusiedeln; aber er gab ihn baldauf. Für ihu war wie für Hebbel die große Stadt Lebensbedürfnis.Aber Hebbel brauchte Wien nur um der geistigen Aristokratie willen;Fontane brauchte die ganze Großstadt. Und es ist auch ganz in derOrdnung, daß die Werke Fontanes die erste volle Blüte der im„Reich" noch so jnngen Großstadtkultur sind.
Denn über jener oft unerfreulichen Ironie des Großstädtersdarf man doch das Gute nicht übersehen. Durch angeborene Extra-gescheitheit hat dieser freilich seine Stadt nicht groß gemacht; aberdnrch unablässige Arbeit. Fontane sagt sich auch als „bestes Erb-stück von der Mutter her" — die Berlinerin war — einen „Hangnach Arbeit und solider Pflichterfüllung" uach. Wir dürfen esden Großstädtern, dürfen es insbesondere den Berlinern nachsagen,daß sie ihn besitzen. Aus dem Land, in kleineren Städten geht inläßlicheren Verhältnissen die Straffheit leicht verloren, deren der