Druckschrift 
Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
Seite
444
Einzelbild herunterladen
 
  

444

1840-18S0,

Vorwärtsmarsch nun einmal nicht entraten kann. Die Großstadtaber ist eine Armee; jeder marschiert in Reih und Glied, so engeingezwängt, so genau an die Haltung der Nachbarn gebunden,daß es nur zweierlei giebt: tüchtig mitmarschicren oder marodezurückbleiben. Fontane hat allezeit für die Marschierenden alleSympathie gehabt. Er liebt die Armee, wie er die Großstadt liebt:als Waffe der vaterländischen Entwickelung, als Symbol der Dis-ziplin bei alleminwendigen Räsonnieren"; und hierin berührt ersich mit Gottfried Keller , weil beide Patrioten sind vom Scheitelbis zur Sohle. Nun ward aber bei Fontane diese Empfindungdurch die Zeitverhältnisse noch gesteigert. Wiederholt hat er betont,wie unsolid diegute alte Zeit" war, in der er aufwuchs:DieScheidung in echt und unecht, in recht und unrecht, in anstündigund unanständig hatte damals noch nicht stattgefunden; alles, mitverschwindenden Ausnahmen, war angesteckt und angekränkelt . . .In dem entschiedeneren Abschwenken (namentlich auch auf moralischemGebiete) nach rechts und links hin erkenne ich den eigentlichstenKulturfortschritt, den wir seitdem gemacht habeu." Er maghier zu sehr verallgemeinern; uns geht hier nur an, was er inseiner Umgebung beobachtete:

Ich war unter Verhältnissen großgezogen, in denen überhaupt nie wasstimmte. Sonderbare Geschäftsführungen und dem entsprechende Geldver-hältnisse waren an der Tagesordnung. Ju der Stadt, in der ich meineKnabenjahre verbracht habe Swinemündc, trank man fleißig Rotweinund fiel aus einem Bankerott in den andern, und in unserem eigenen Hanse,wiewohl uns Katastrophen erspart blieben, wnrde die Sache gemütlich mit-gemacht, und mein Bater, um seinen eigenen Lieblingsansdrnck zu gebrauchen,kam aus derBredouille" nicht heraus. Trotz alles jetzt herrschendenSchwindels möchte ich doch sagen dürfen: die Lebensweise des mittelgutenDurchschnittsmenschen ist seitdem um ein gut Teil solider geworden.

Man sieht: Seldwyla lag nicht nur in der Schweiz ; und fürFontane wie für Keller ward aus eigenen Erfahrungen herausdenn, wie Fontane sagt, man braucht nicht alles an sich selbst,man kanu auch an anderen erleben- die Schilderung zweifel-hafter Charaktere ein Lieblingsmotiv. Seine Lieblingsfiguren sind,wenn man so sagen darf, nach inwendig gewandte Seldwyler.Schach von Wuthenow renommiert nicht mit Uhrgehängen undelegantem Zollstab, aber er täuscht sich und anderen den Glanzeiner falschenKavaliersehre" vor; Gordon (inCecile"), hält nicht,was er sich selbst versprach, was andere von ihm erwarten durften;