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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
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Fvntaiies Persönlichkeit,

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Frau Jenny Treibe! prunkt sich und anderen eine Sentimentalitätnnd Vorurteilslosigkeit vor, die bei der ersten Probe brüchig wcrdeu.Überall Selbstbetrug über den inneren Wert, wie bei Keller über dieäußere Brauchbarkeit; überall am Schluß ein Bankerott. Wogegen dieanspruchslose Bravheit der absolut nichtblendenden" alten Tanten,die zu Fontanes Lieblingen gehören (inLÄdultera",Schach vonWuthenow ",Unwiederbringlich"; in etwas anderer Nuancieruugschon inVor dem Sturm "), aushält. Aber Fontane ist trotzdieser gesuuden und, wenn man wünscht, philiströsen Moral keines-wegs ein Verächter seinerBlender"; im Gegenteil, er liebt sie.Graf Holk (inUnwiederbringlich") ist ihm sicherlich ans Herz ge-wachsen, nnd an Frau Jenny Treidel hat er mindestens so viel Spaßwie Keller an demSchmied seines Glückes". Denn bei aller durchfrühreife Beobachtungskraft fast in der Kindheit erworbenen festenMoral ist Fontane doch zugleich ein Enthusiast für die liebens-würdige Täuschung berückender äußerer Formen; Demokrat in derWeltanschauung, ist er ästhetischer Aristokrat, wie Ferdinand Lasfalle,wie Henrik Ibsen . Der Sohn der strengeu, tüchtigen, aber herbenMutter, ist er zugleich der Sohn des haltlosen, auf den Scheinaugelegten, aber entzückend liebenswürdigen Vaters. Die Elternlebten nicht glücklich miteinander. Wohl waren beide von fran-zösischer Abstammung es ist merkwürdig, wie stark in dieserZeit die fremde Beimischung in unserer Litteratur hervortritt: nebenFontäne haben Luise v. Frankens, Otto Roquette, Emanuel Geibel französisches Blut in den Adern, Sallet böhmisches, Theoder Stormpoluisches. Aber der Vater war mit starkem Atavismus ganz undgar der lebhafte, moralisch wenig bedenkliche Südfranzose dergutenalten Zeit", die Mutter war durch die preußische Schule gegangen.In dem BuchMeine Kinderjahre " (1894), einer unserer köst-lichsten Autobiographien, hat Fontane beide geschildert mit einertapferen Ehrlichkeit, bei der auch die Liebe nicht zu kurz kommt, ausder man aber doch ersieht, wie früh er (gleich dem juugen Goethe)die Eltern vergleichen und abwägen lernte. Sein Urteil entscheidetüberwiegend für die Mutter, die gegen den Leichtsinn des VatersfürReputierlichkeit" und Wohl des Hauses einstand; sein Herzist doch mehr bei dem Vater, den er mit wunderbarer Greifbarkeithinstellt. Denn bei all seinen Mängeln hatte dieser eins, was derstrengen Mutter fehlte: überströmende Herzensgüte.

Und damit kommen wir zu einer weiteren Eigenschaft unseres