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1840-1850,
Großstädters. Was hätte dem Berliner in seinem harten, Jahr-hunderte dauernden Kampf alle Tüchtigkeit geholfen, wenn in diesemvon der Natur so wenig begünstigten Lande ihm auch noch dieinnere Sonne gefehlt hätte? Die Ironie und auch der Zwangdes Kampfes machten sie oft unsichtbar; gefehlt hat sie nie. Es istkein Zufall, daß die großen katholischen Prediger der Wohlthätig-keit wie Franz von Assisi , Filippo Neri, Franz von Sales, geradevon größeren Städten, Florenz, Rom, Paris , ausgegangen sind.Eine bestimmte Höhe der Herzensgüte wird von den Versuchungenund Erfahrungen der großen Stadt sicherer geprüft und gereift,als von Plätzen, an denen die Not und die Sünde nicht so grellhervortreten. Hier lernt man im Bewußtsein der allgemeinenmenschlichen Schwäche nicht bloß verzeihen, sondern auch liebeu.Hier hat es Theodor Fontane gelernt. Der Pharisäismns warfihm deshalb „laxe Moral" vor, wie die Kleinstadt sie den Groß-städtern vorzuwerfen liebt; wir sahen, wie wenig das seine Lebens-anschauung und seine Lebensführung trifft. Aber er war nicht derMann, den ersten Stein -zu schlendern. Nicht umsonst spielt inseinem ersten Ehebrnchsroman, „L'Adnltera", das Tizianische Bild„Christns und die Ehebrecherin" eine symbolische Rolle.
Fontanes Großstädtertum malt sich endlich sehr charakteristischauch in seinem Verhältnis znr Natur. Er ist ein großer Reisender.Kaum hatte er seine Lchrlingsjahre als Apotheker in Berlin, Dresden und Leipzig beendet — znr selben Zeit, in der auch sein großerZeitgenosse Henrik Ibsen hinter dem Ladentisch in der Apothekestand —, als ihn ein günstiger Zufall nach England führte (1844).Die Reise wurde für ihn bestimmend: sür den Ton nnd Charakterseiner Balladendichtnng wie sür seine Ausfassung mancher politischerProbleme. Er wiederholte sie bald (1852 und 1855—59); undseine ersten Prosabücher schildern diesen Aufenthalt („Ein Sommerin London" 1854; „Jenseits des Tweed " 1860). Und schonin der ersten dieser Schriften bricht er in das bezeichnende Ge-ständnis aus: „Was einzig und allein dauernd dem Menschengenügt, ist nur immer wieder der Mensch. Nichts ermüdet schnellerals die sogenannte „schöne Natur"; wie Guckkastenbilder müssenihre Zauber wechseln, wenn man sie überhaupt ertragen soll."Der „Sommer in London" erzählt überhaupt fast nur von denEngländern; „Jenseits des Tweed " giebt breitere Landschafts- undbesonders Architektnrbilder, aber wo es irgend geht, läßt er Ans-