„Der König von Sion"
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die „nüchterne Kühle des Herzens" — und der Mann wird Prophetder Vielweiberei!
Trotzdem ist die Behandlung im ganzen epischer, poetischer alsim „Ahasver". Wohl stören auch hier Ausdrücke von zu modernerPrägung wie „Grazie" oder die neuen Fortschritten der Artilleric-technik entnommene Bemerkung: „Und die Schützen mit ihren ver-alteten Rohren!" Und daneben spürt man wieder gelegentlich zudeutlich die Absicht homerischer Färbung, z. B. in dem isoliertenGleichnis des Kampfes zwischen einem Rudel von Hündlein undeinem Schwärm Meerkatzen, oder bei der Schilderung der Gefechte.Die Hexameter sind korrekt, aber fast immer zu nah an prosaischerFügung; einzelne Wörtchen klaffen zu oft wie ein über das Käfig-gitter heraushängendes Schwanzstückchen nach:
aufhielt er am liebsten an düsteren OrtenSich ...
Und mit glühendem Haupt auf jegliches wieder besann erSich . . .
Uud nun sollte das Wort des Propheten in Siou geschändetSein . . .
„Noch uicht kennen sie ihn, den Erkoruen von Sion?" erwidertJan ...
Diese äußeren Beweise künstlicher Poetisierung spiegeln wiedernur inhaltliche Momente gleicher Art ab. Gewisse wohlfeile Mittel,das Historische romanhaft zu machen, werden aus dem „Ahasver"erneut: neben dem dämonischen Weib steht die reine Seele, wiedort Actäa neben Agrippina; der tolle Narr, Dnsentschur, und dasstumpfsinnige alte Weib müssen hier wie später Menon in der„Aspasia " ein zeitloses Moment in die momentane Bewegungbringen. Aber die lebenden Bilder, die im „Ahasver" überflüssigeEinlage waren, bilden hier eine in rascher Folge sich entwickelndeReihe, deren Einzelglieder sich wirkungsvoll voneinander abheben; undeine rasch fortschreitende Handlung läßt uns aus beständigem An-teil nicht heraus. Dazu kommt die prächtige Schilderung des un-heimlichen Waldes, der Davert, während die Stadt Münster nichtrecht anschanlich wird. Aber das Hauptverdienst des Epos ist dieKunst, mit der die krankhaft erhitzte Atmosphäre in der von schwel-geudeu und hungernden Schwärmern erfüllten Stadt wiedergegebenwird. Gewiß hatte Hamerling unrecht, wenn er sich gegen denVorwurf sinnlicher Darstellung verteidigte: eine erhitzte Sinnlichkeitkocht in seiuen Epen, und auch in den kleineren Dichtungen, ja so-