772 1880—1890.
poetisieren zu wollen, blieb; aber die Backfisch-Unschuld des Hernm-zerrens an den Geheimnissen schwand. „Und in den Lawendel-duft mischt sich ein neuer, heißer, schwälender Geruch." Wie ineiner bösen Scene des für Maria Janitschek — leider — ammeisten bezeichnenden Buches „Vom Weibe" (1896) sind beiihr alle Wände mit Gemälden behängen, aber „es ist eigentlichimmer dieselbe Gestalt auf den Bildern: ein Weib . . . Bald kanertes in verführerischer Pose, bald ruht es in steifer Stellung mitkrampfhaft geschlossenen Lidern, wie erstarrt in den Zuckungen zer-fleischender Wollust.." Ein krampfhaftes Spielen mit Problemender erotischen Pathologie; ein ungesunder Sport, bei dem sich dieWangen erhitzen und die Augen glühen, wenn „eine reine unbe-rührte Mädchennatnr" dnrch „trübe Wandlungen" hindurchgehetztwird — mag sie nun, wie die Verfasserin es früher liebte, unter-gehen oder „in einer lichtfarbenen Idylle schließlich ihr befreiendesGlück finden". Mit allen Sinnen folgt Maria Janitschek demKampf des Begehrens in der Mädchenbrnst; Gestalten sieht sienicht, es verschwimmt alles zu pantomimischen Gesten von wilderDeutlichkeit. Die Sprache zerreißt sie, wie ein Mädchen das Miederaufreißt, um der Brust Luft zu machen:
„Wladislaws Stiru begann sich zu röten.
Diese Sprache, dieses Erblassen des jungen Weibes.
Eine Ahnung der stummen Tragödie, die sich in diesen Räumeuabspielte, ergriff ihn."
Neben gesuchte Bilder vou Lilienzauber uud heimlichen Liebes-worten Gottes treten Brutalitäten der Rede: „Sie hat eine Quan-tität Gift im Leibe, die zureicht, sechs Meuschen zu töten", „Einefromme Gänsehaut überlief die Alte." Ein raffiniertes Spielenmit den typographischen Krücken der modernen Halbkunst, kurzenAbsätzen, langen hypnotisierend wirkenden Reihen vou Gedanken-punkten und Gedankenstrichen macht plötzlich der naivsten Unge-schicklichkeit im Ausdruck Platz: „Christoph, das Beste wird dochsein, wenn ich — fortgehe. Dieses ewige Micherinnern an meineArmut —" Die gleiche Stillosigkeit wie in den Erzählungen(„Lichthungrige Leute" 1891, „Atlas" 1893, „Gott hat es gewollt"1895) herrscht in den Gedichten („Irdische und unirdische Träume"1889, „Im Sommerwind" 189S). Nirgends ist dies Gemisch vonverstiegener Romantik und krassem Realismus zur Einheit einesStils durchgedruugen. Dilettantisch wirkt sogar diese schwüle