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1880—1890,
gegen den Einfluß Ibsens gesträubt: der Norweger war ihm zu ten-denziös, nicht objektiv genug in der Zeichnung. Hier sprach mehr dieDoktrin der „ersten konsequenten Realisten", als Hauptmanns eigeneEmpfindung. Sobald er sich freier ließ, mußte gerade Ibsen starkauf ihn wirken. Die beiden Familiendramen: „Ein Friedensfest"(1890) und „Einsame Menschen " (1891) stehen unter diesemZeichen; auf jenes (ich citiere wieder Schlenther) „in seiner strengerenOrts- uud Zeiteinheit, seiner festeren Geschlossenheit, seiner Ein-heitlichkeit dumpfer, trüber Stimmung, der Unentrinnbarkeit seinesSchicksals, der knechtischen Gebundenheit des menschlichen Willens,in seinem Fluch von alters her" haben vor allem die „Gespenster ",auf das zweite hat besonders „Rosmersholm" Einfluß geübt.Die Stimmung der modernen Schicksalstragödie lastet über beiden.„Die Politik, das ist das moderne Schicksal", sagte Napoleon; „dieFamilie, das ist das moderne Schicksal" sagt mit Taine undIbsen Gerhart Hauptmann . Die Familie — denn sie repräsentiertdie unentrinnbare Gebundenheit auch des freiestcn Geistes, un-entrinnbar, weil ihr Einfluß in seinem Wollen selbst, in der Ge-staltung seiner Eigenart selbst bereits mitarbeitet.
Wenn die altnordische Apokalypse das Ende der Welt schildernwollte, so steht unter den Vorzeichen des Jüngsten Tages voran,daß alle Bande der Sippe brechen, daß Brüder sich ermorden, dasKind wider den Vater die Hand hebt. Diese symbolischen Zügewerden im „Friedensfest" zur furchtbaren Wahrheit, ohne dochihren allgemeineren Charakter ganz zu verlieren; ja, daß der Sohnseinen Vater geschlagen hat, gewiß ein furchtbares Thun, wird hierdoch mit einem Ton so mystischen Grauens erwähnt, daß mehr einsymbolischer Charakter der Handlung als ihre eigentliche Bedeutunggerade für diese Umgebung gefühlt wird. — Eine unglückliche Ehehat sich, wie oft bei Ibsen , in den Kindern bestraft. Unverträglichund verbittert leben alle Mitglieder der Familie miteinander imKrieg, ohne doch ganz voneinander lassen zu können. Endlichscheint der Atridenfluch gelöst. Gebrochen und friedensbedürftigkehrt der alte Vater heun; der bessere Sohn hat in einer liebevollihm vertrauenden Braut die Hoffnung auf Heilung seines ver-düsterten Zustandes gefunden. Man feiert ein Friedensfest. Aberdie Konflikte liegen zu tief. Man hat sich zn fest in den altenHaß eingebohrt. Keins von allen Gliedern der Familie wagt aufErneuerung so recht ernstlich zn hoffen. Wohl meint der Optimist,