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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
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837
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Vor Sonnenaufgang "

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Sumpf gerettet. Nun kommt eiu Fremder weder ein bösartigerVerführer, noch, wie viele gemeint haben, ein edler Idealist, sondernein Mensch wie Tausende: ein unklar schwärmender Doktrinär mitein paar fixen Ideen, der sich aller Pflichten gegen das Mädchenledig glaubt, sobald seinPrinzip" in Frage kommt. Neben dendurch plötzlichen Reichtum oder langes Elend vertierten Menschenerscheint er Helene wie ein Messias; sie dichtet ihn sich dazu um,wie Hannele ihren guten Lehrer. Als sie erwacht, kann sie dieEnttäuschung nicht ertragen, weniger noch die Vorstellung, nununrettbar zu diesen heillosen Zuständen verdammt zn sein; sie tötetsich. Den Schlußaccord aber bildet das idiotische Geschrei desbetrunkenen alten Bauern.

Gewiß ist hin und wieder im Malen des Schlimmen desGuten zu viel gethan. Die Entbindungsscene hinter der Scenewar zu vermeiden; auch die Liebesaffairen der alten Bäuerinbrauchten nicht ganz so handgreiflich gezeichnet zu sein. Das istein Überschuß an Lebenswahrheit, der als Reaktion gegen so vielesüßliche Vauernmalerei verziehen werden muß. Auch findet er einGegengewicht nicht nur in jenen lyrischen Stimmungsbildern voneigentümlichem Reiz, sondern auch in der Poesie der Liebessceneim vierten Akt. Die superlativische Begeisterung, die hier vonRomeo und Julia" spricht, kann ich zwar nicht teilen, schon des-halb nicht, weil Wendungen wie Lothsliebes, edles Geschöpf" ausdem Stil fallen; aber im ganzen genommen enthält der Auftrittdoch mehr einfache, packende Wirklichkeitspoesie als hundert banaleLiebesscenenidealistischer" Poeten. Erstaunlich ist die Sicher-heit der Charakterzeichnuug; kleine Nebenrollen wie die des altenverbitterten Arbeitsmannes Beibst sind Kabinetts stücke. Und wieunübertrefflich ist das Getnschel der Dienstleute bei dem so ver-zeihlichen Milchdiebstahl der Kutschenfrau! Nur bei denGebildeten"begegnet dem Autor zuweilen eine kleine Entgleisung. Er iden-tificiert sich keineswegs mit Loth; aber er kann doch der Versuchungnicht ganz widerstehen, ihm ein paar Lieblingsbetrachtungen in denMund zu legen. Das sind eigentlich auchApartes", ein Bei-seitereden, mehr für das Publikum bestimmt als für den Unter-redner auf der Bühne. Aber diese kleinen Knnstfehler wirken, wieSchlenther bemerkt, liebenswürdig als Zeugnisse des warmen An-teils, den Hauptmann an den Problemen nimmt.

In diesem dramatischen Erstling hatte der Dichter sich noch