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1880—1890.
rettungslosen Zwangslage die Charaktere sich befinden, so mnß ermit einiger Breite die Lage vorführen. Ein großer Teil desDramas entspricht dem, was sonst nur Einleitung war: der Ex-position; gerade wie bestimmte Produkte der neuesten Lyrik nurExposition ohne lyrische „Handlung" geben. Und wenn etwas ge-schieht, erhebt es sich nicht so sichtbar hoch über die Fundamentewie sonst dramatische Handlung. „Die Weber" und „FlorianGeyer " bleiben, selbst da die Revolution schon im Gang ist, wesent-lich Zustandsgemälde. Der Zustand wird aus dumpfer Ruhe zueinem fieberhaft erregten; eigentliche Handlung wird er nicht. Manvergleiche Schillers „Tell" mit den „Webern ", Goethes „Götz" mit„Florian Geyer ", um sich des ganzen Unterschiedes bewußt zuwerden. Daher der Eindruck des Thatlosen, Unmäunlicheu, Ge-drückten, den viele Zuschauer und Kritiker insbesondere von JohannesVockerat, aber auch von Florian Geyer und dem Glockengießerempfingen. Das Handeln soll eben hier kein selbständiges In-teresse erregen: der Zustand der Seeleu, die Eigenart der Charakteresoll geschildert werden. Deshalb wird Schlafs Meister Oelze solange in Krankheit und Sterben herumgequält, deshalb in Halbes„Jugend" der Schluß mit fast frivoler Gleichgültigkeit behandelt.
Ein Zustand, aus dem sich die Personen vergebens zu lösensuchen — das ist die allgemeinste Formel für das moderne Dramadieser Schule. Sudermann hat es mit mancherlei Effekten ver-quickt, Schnitzler hat es lyrisch erweicht — emanzipiert hat sich imGrunde kein neuerer Dramatiker von diesem Schema. Die breiteZustandsschilderung ist es vor allem, die das Neue, Moderne daranbildet; denn sie ist ganz aus den Ansprüchen unserer Zeit ent-sprossen.
„Vor Sonnenaufgang" (1889) verleugnet die Jugend desRealisten — und seines Realismus nicht in der allzu ausführ-lichen Zustandsschilderung. Die Wiedergabe der entsetzlichen Ver-hältnisse, in die Helene hineingeboren ist, wird Selbstzweck. Sieist freilich mit einer Virtuosität gegeben, die auch eine gereiftereKunst verführen konnte. Die ganze dumpfe Atmosphäre, die überdem verlumpt-protzigen Hof des schlesischen Millionärbauers lastet,rückt vor unsere Angen; der Vater ein wüster Trinker, die Muttereine sittenlose Person voller Roheit und Aufgeblasenheit, derSchwiegersohn ein lüsterner Genußmensch, die Tochter Helene nurdurch günstige Umstände bis jetzt vor völligem Versinken in den