Das Drama deS reifen Zustands. 835
philiströs genug, „alles Weitere dem heiligen Ehestand überlassen"zu wollen, wie Anzengrubers prächtiges Dirndl im „Doppelselbst-mord" sagt; hierüber mit Recht empört, erhebt sich Toni „wachsendund wachsend" zu der „stolzen Hoheit", daß sie lieber des reichenMexikaners Maitresse werden will als ihres philiströsen BräutigamsFrau . .. Ebenso wirkt in Johannes Schlafs „Gertrud" (1895)der Farmer Holm — diesmal aus Nordamerika heimgekehrt; währendin Ernst Rosmers „Tedeum" (1896) die Sache ins Heitere gekehrtwird, und der reiche Onkel aus Amerika , uuser guter alter Freundvon Nieritz und Hoffmann her, wirklich der alten Misere ein Endemacht.
Aber auch an diesen Vergröbernngen uud Übertreibungen kannman noch erkennen, welche Macht der von Hauptmann neugeschaffeneTypns ausübte. Weshalb? Weil er neu war — und weil erdem Bedürfnis der Zeit entgegenkam.
Neu war er insofern, als er die Handlung ganz und garrealistisch, alltäglich nahm. Wenn Cäsar Flaischlen mit der ganzenAbsichtlichkeit seiner grob kopierenden Seele sein Drama „eine All-tagsgeschichte in fünf Bildern" nannte, so drückte er damit überlautbetonend aus, was auch Hauptmann uud Schlaf meinten. Essoll nichts Ungewöhnliches geschehen; es soll eben ein beliebigerAnlaß die Charaktere zur Explosion bringen. Daß Hauptmann— und noch mehr seine Nachahmer — die Ankunft des „fremdenMannes" so oberflächlich motivieren (am meisten stört dies beiAnna Mahr, der diesmal weiblichen Vertreterin der Rolle, in den„Einsamen Menschen"), ist ein Kunstfehler, beruht aber doch ebenauf dieser Anschauung: es kann alle Tage solch ein Bote des Schick-sals kommen. — Daher denn auch die Schlüsse: Fragezeichen amAusgang, wie im „Friedensfest", wie schon oft bei Ibsen , oder derbequeme Selbstmord („Vor Sonnenaufgang ", „Einsame Menschen",„Fuhrmann Henschel"). Es ist ja doch nur das Tüpfelchen aufdem i; ob der Held vor unseren Angen stirbt oder ein paar Jahrespäter zu Grunde geht — das ist gleich. Sein Charakter sollteuns voll gezeigt werden; damit ist das Interesse mindestens desAutors erschöpft.
Und dieser neue Typus entsprach dem Bedürfnis der Zeit.Denn er ermöglichte, was der Naturalismus anstrebte: eine breiteZustandsschilderung. Dies ergiebt sich ganz notwendig aus jeneinSchema. Will der Verfasser uns anschaulich machen, in welcher
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