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1880—1890.
folgende feste Form. Ein paar Personen, jede eine ausgeprägteIndividualität, sind vom Schicksal zusammengeworfen; in ihremZusammenleben nähren sie gegenseitig jeder des anderen Eigen-art. Eine unter ihnen fühlt vor allein das Bedrückende, Gefähr-liche dieser Existenz und sehnt sich heraus. Ein Bote aus dergroßen Welt ringsum kommt und scheint einen Augenblick die Mög-lichkeit zu bringen, daß der Gebundene sich löst. Aber die Ge-bundenheit ist zu stark; und so führt der Versuch der Rettung nurdie Katastrophe herbei. — So „Vor Sonnenaufgang ": Loth ver-spricht Heleneus Befreiung; im „Friedensfest": die Braut hofft denFluch von der Familie, besonders von ihrem Bräutigam zu nehmen;in den „Einsamen Menschen": Johannes erhofft von Anna MahrLösung seiner Bedrängnis; so auch in den „Webern ": Jäger und derAufstaud gewähren einen Augenblick hoffenden Aufatmeus; ebensoin „Florian Geyer". Ähnlich.ist die Formel auch noch in der„Versnnkeneu Glocke", wo Rautendelein aber die Sehnsucht ersterweckt; ja auch noch im „Fuhrmann Henschel", wo die zweite Eheden Bann heben soll, in dem der Witwer dahinlebt.
Dieser Typus ist, wie gesagt, eine Zeitlang der herrschende desmodernen deutschen Dramas geworden. Ihm gehören, um ein paarProben zu nennen, an „Wir Drei" von Ernst Rosmer ; „Mutter Erde"(1898) von Max Halbe ; „Das Stärkere" (1897) von Carlot Neuling;„Der Fremde" (1898) von Hartleben; „Tote Zeit" (1898) von ErnstHardt . Öfters wurde der Typus vergröbert zu jenen sonderbarenStücken, die ich „Brasilianerdramen" nenne. Die Gebundenheit wird,wie übrigens fast durchweg, konventionell als Ehe oder Verlobungaufgefaßt — so auch schon bei Hauptmann selbst in den „EinsamenMenschen". Der Ankömmling aus der großen Welt wird recht grobmaterialistisch zu einem „Globetrotter" gemacht, einem aus Brasilien oder Mexiko heimgekehrten Cyniker mit Schlapphut und Schnurrbart.Diese höchst ernst gemeinte Erneuerung des „schmucken Brasilianers"aus Offenbachs „Pariser Leben " und eine etwas Benedixisch ge-zeichnete Sorte von deutschem Philister ringen dann um die Braut;aber leider ist der .i-ÄstAcilloudrs«, wie man diese heimgekehrtenMillionäre Südamerikas auf der Pariser Bühne nennt, doch schonzu spät gekommen... So „Toni Stürmer" (1891) von CäsarFlaischlen — eine unbeabsichtigte Parodie auf die ganze Art. DieBraut mit dem sprechenden Namen kann nicht länger warten; ihrBräutigam, als deutscher Gelehrter und sogar Privatdocent, ist