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1880—18S0.
Anfänge des historischen Volksdramas. Denn dies, das mit großenGesamtwirkungen auf breitere Massen wirken soll, bedarf riesenhafterTräger der Handlung. Eine einzelne historische Gestalt genügtnicht, und sei es ein Luther, Friedrich der Große, Bismarck — ebendeshalb haben die Lutherfestspiele und verwandte Unternehmungenimmer nur in den Kreisen der Gebildeten Wiederklang gefunden.Christus selbst ist im Oberammergauer Passionsspiel nicht alleinder Träger der Handlung — als Gegenspieler steht ihm einKollektivheld gegenüber, das jüdische Volk, bald durch einzelneSprecher, bald als Chor seine Meinungen und Absichten verkün-dend. Ebenso hat nach den Berichten der geschickte Leiter derMeraner Volksschauspiele, Karl Wolf (geb. 1848), seinen Hoferund die anderen Führer des Tiroler Heldenkampfes („Tirol imJahr 1809", 1892; „Tiroler Helden", 1894) nnr gleichsam alsKopf des eigentlichen Helden, des Tirolertums selbst, erscheinenlassen; und noch breiter legt das hoffnungsvolle nene Volksschau-fpiel der Schweiz (Arnold Ott, geb. 1840: „Karl der Kühne unddie Eidgenossen", 1897; M. Bühler und G. Luck Calven-Festspielein Chur 1899) den Thaten der Einzelnen eine lebensvolle Schil-derung der Gesamtheit zu Grunde. Das Volksdrama großen Stilsbraucht ein Volk als Helden. Das ist die höhere Einheit, in derjeder Zuschauer sich als Teil wiedererkennt und doch zugleich dasHöhere verehrt. Das fühlte Schiller und' ließ sich deshalb nichtnehmen, die Hauptberufe der Schweiz im Vorspiel, die Kantone selbstin derRütli-Beratung einzuführen; und sein „Tell" wurde das volks-tümlichste Drama vielleicht in der Welt. Bettelheim hat einmal diesehr lehrreichen Zahlen für die Verbreitung der gelesensten Hefte vonReclams Universalbibliothek mitgeteilt: weit an der Spitze marschiertder „Tell" mit 619 000 Exemplaren, dann folgen in weitem Ab-stand „Hermann und Dorothea " mit 490000, „Faust", erster Teilmit 290000 (1897). Das ist charakteristisch. Auch Goethes idyllischesEpos und selbst sein titanisches Drama haben volkstümliches Ge-präge sogar in jenem specifischen Sinne: das Bürgerleben in seinerganzen Breite tritt dort hervor, hier aber bringt der Osterspazier-gang thatsächlich den Kollektivhelden, den „Bürger", den „Bauer",den „Gesellen". Die großen Massenseenen bei Shakespeare („Julius'Cäsar", Königsdramen), bei Schiller („Tell", „Wallenstein ", „De-metrius"), bei Kleist („Hermannsschlacht") wirken keineswegs nurals malerische, als „theatralische" Effekte; sie helfen wirklich die