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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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unter schweren Katastrophen, die Übereinstimmung zwischenRecht und Macht wiederhergestellt.

In der Veränderung der inneren und äußeren Formender Gesellschaft, von Glauben und Sitte, Sittlichkeit undRecht besteht die Geschichte. Es wechseln Zeiten des sozialenAufbaues mit solchen der Auflösung. Ähnlich den mensch-lichen Individuen entstehen gesellschaftliche Gebilde, wachsenheran, leisten ihre Arbeit wie jene für das Volk, so diesefür die Menschheit um wieder zu vergehen und jüngerenGebilden Platz zu machen.Sie wachsen, und nach langersturmvoller Jugend blühen sie zur Reife und Höhe. Dannverfallen sie schnell, denn alle Blüte ist kurz; traurig schwin-den sie hin, bröckeln zusammen oder stürzen gewaltsam nieder:geräuschlos oder geräuschvoll." So zählt man von Chlodwig bis Ludwig XIV. zwölf Jahrhunderte, und bereits beim Todeseines Nachfolgers liegt das Königtum im Sterben. Einplötzlicher Zusammensturz wird besonders dann erfolgen, wenn,was nicht selten vorkommt, soziale Gebilde aufrecht gehaltenwurden, nachdem das Leben längst daraus entwichen, ähnlichwie ein toter entblätterter Baum noch lange stehen kann,bis ein Windstoß ihn niederreißt. Gerade von solchen Kata-strophen, Revolutionen, Kriegen ic. ist die Geschichts-schreibung erfüllt, während sie die jahrhundertelange Arbeitdes Landmanns und des Denkers, welche die Gesellschafterbauten, übergeht. Daher der Satz eine gewisse Wahrheithat:Glücklich die Völker, deren Annalen leer sind."

Fragen wir nun, wodurch unterscheiden sich Periodensozialen Wachstums von solchen sozialer Auflösung? DieAntwort, welche Carlyle hierauf giebt, ist trotz großer Ver-schiedenheit des Ausdrucks, nicht weit entfernt von der HerbertSpencerschen Idee derEvolution" undZissolution". ZurZeit des Wachstums ist das Ganze mächtiger als seine Teileniid die Entwicklung des einzelnen durch die des ganzenbeherrscht. Diese Bestimmung geschieht dadurch, daß dasGanze im einzelnen Veränderungen hervorruft: Glaubens-vorstellungen, wie sie seinem Bedürfnis entsprechen. JedeVeränderung der gesellschaftlichen Zustände beruht auf einer