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ihrer subjektiven Voraussetzungen. Aber die Kraft desGanzen, die Teile sich zu assimilieren, ist eine beschränkte.Früher oder später tritt der Punkt ein, wo das vorhan-dene Glaubenssystem abgeschlossen und schlechterdings wei-terer Ausbildung unfähig ist. Der alte Glaube stirbtalsdann, ein neuer ist nicht vorhanden. Damit verliert dasGanze mehr und mehr die Herrschaft über seine Teile, indenen nun der Individualismus wieder die Oberhand ge-winnt. Dies ist die Periode der Zersetzung einer bestimmtenGesellschaft. Nach Carlyle läßt sich daher die Geschichte jedesVolkes in positive und negative Zeiten einteilen: ersterepositiv in Beziehung auf innere und äußere Formen, d. h.gläubig und aufbauend, letztere in beider Hinsicht negativd. h. ungläubig und zerstörend.
Positive Zeiten.
Nach Carlyle entstehen die Glaubensvorstellungen zu-nächst innerhalb gewisser Kreise des Volkes und verbreitensich von da über die Massen, gleichgültig, ob jene Kreisesich äußerlich hervorheben oder nicht. Im ersteren Fallheißen sie Priester, im anderen Philosophen, Dichter :c.Daher der Satz nicht unrichtig ist: „Die Dichter machtendem Menschen die Götter." Unter ihnen aber sind es dochwieder einzelne, besonders hervorragende, von denen derFortschritt in Wahrheit ausgegangen: sie sind die geistigenHelden und Herrscher der Menschen, von denen der Glaubeund damit mittelbar auch die äußere Gestaltung der Gesell-schaft, die Geschichte der Menschheit abhängt.
Das Volk nun nahm den Glauben zwar an, sagen un-gläubige Zeiten, indem es auf die Freiheit seines Urteilsverzichtete und einer äußeren Autorität sich beugte. Ganzim Gegeuteil, meint Carlyle, der Glaube ist ein innerlicherhöchst persönlicher Akt, auf den kein äußerer Zwang Einflußhaben kann. Unfrei wird der Glaube dann, wenn er Be-mühung wird „zu glauben, daß man glaubt", wobei dieGefahr der Unwahrheit nahe liegt, und dies ist gerade inZeiten der Fall, in denen ein Glaubenssystem verfällt.