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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
Entstehung
Seite
158
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als stichhaltig. Vielmehr kann dcr Verstand die idealistischeWeltanschauung der materialistischen nur als gleichberechtigtzur Seite stellen; die Wahl der ersteren und die Verwerfungder letzteren ist Sache des Willens. In noch höherem Maßegilt das Gleiche beziehentlich der moralischen Grundauffassung,dieses entscheidenden Punktes jeder Philosophie. Auch hierstehen zwei Möglichkeiten einander gegenüber, unter denendie Wahl nicht Sache der Erkenntnis, sondern des Willensist. Auf der einen Seite steht die utilitarische Moral, derenMaßstab das Individuum ist; sie geht daher nicht über dieSinncnwelt hinaus und legt ihr somit absolute Bedeutungbei. Auf der andern Seite steht die altruistische Moral,welche das Ziel des menschlichen Wollens über das Jndivi-duum hinaus verlegt. Die Sinncnwelt ist für sie nur re-lativ und das Prinzip der Moral aus ihr unableitbar.

Darin, daß die Deutschen den Schritt vom negativenzum positiven Standpunkt gethan haben, liegt die tiefste undeigentliche Bedeutung der von ihnen eingeleiteten Bewegung.So lehnt Kant jeden utilitarischen Erklärungsversuch ab undbehauptet die Unbegreiflichkcit des moralischen Gesetzes.ZweiDinge," sagt Kant,erfüllen das Gemüt mit immer neuerund zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter undanhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der be-stirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir":beides die Punkte, an denen dem Menschen am unmittel-barsten die Beziehung der relativen Sinnenwelt auf eineÜbersinnlichkeit zum Bewußtsein kommt. Damit ist demIndividualismus seine Grundlage entzogen, indem das In-dividuum uicht mehr als alleiniges Ziel des menschlichenWollens aufgefaßt wird.

Erst von diesem Standpunkt aus wird es verständlich,wie Carlyle die litterarische Bewegung Deutschlands als denExponenten" der Revolution bezeichnen kann. Beides sinddie großen Zeichen, unter denen unsere Zeit steht. Auf demGebiete der äußeren Formen herrscht die Revolution, d. h.die Zerstörung; auf dem der inneren Formen, d. h. dem