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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
Entstehung
Seite
159
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des Geisteslebens, folgt dagegen auf eine Periode der Zer-störung bereits heute eine solche des Aufbaues.

Schon aus dem Vorhergehenden crgicbt sich, wie wenigCarlyle im eigentlichen Sinne ein Anhänger der Kantischenoder einer von ihr abhängigen Philosophie ist. Noch mehrerhellt dies aus seiner Stellung zn Goethe.*) Wenn diesenein späterer Denker**) als den Riesenbruder Kants bezeich-net, der ihm sowohl im Jahrhundert als in der Nationallein zur Seite zu stellen sei, so geht Carlyle noch weiter.Er sieht in beiden Vorläufer eiucr neuen positiven Periode.Wenn die Ideen Kants, selber vielfach noch von der altenZeit beeinflußt, sich klärend, in allmählicher uud vielgestaltigerEutwickluug das Denken Europas umgestalten, so hat Goethe iu beschränktem Maße natürlich bereits den neuen,wahrhaft modernen Menschen verkörpert. Seine innere Ge-schichte ist dasVorbild der Geschichte unserer Zeit" über-haupt; er ist dazu gelangt, ihre Widersprüche voll durchzu^leben und zu überwinden und innere Klarheit und Gesund-heit, jene Einheit und Harmonie des Wesens zu erreichen,wie sie in früheren, gläubigen Perioden vielen beschiedcnwar, heute dagegen keinem in gleich hohem Grade wie ihmzu Teil ward. Er hatin Frömmigkeit und doch ohneBliudhcit", vielmehr im Vollbesitz der Bildung seiner Zeit,in unüberwindlicher Sündhaftigkeit für das Recht und den-noch ohne stürmische Erbitterung gegen das Unrecht, wie einantiker Held uud dennoch mit der Vielseitigkeit und ver-mehrten Begabung eines modernen" gelebt. So ist er denWeg vorangegangen, den wir nachgehen müssen:der wich-tigste Deutsche nach Luther".***)

Über Goethes Stellung und Einfluß gegenüber den sozialenRichtungen des Jahrhunderts vergl. F. Gregorovius, WilhelmMeister- A. Jung, Goethes Wanderjahre; Karl Grün , Goethe vommenschlichen Standpunkt; Varnhagen von Ense , DenkwürdigkeitenBd. I und die bei den drei ersten angeführte Litteratur.

^) Schopenhauer , Welt als Wille und Vorstellung S. 627.Leipzig 1877.

NiscöllÄirsons Assa^s I, S. 238.