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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
Entstehung
Seite
165
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sie unter dem Namen derEhrfurcht" denn was ist dieseanderes als die Hingabe der Menschen an geglaubte, überihm stehende Werte und sieht in derEhrfurcht" dieeigentlich moralische Grundstimmung, aus der allein allessoziale Thun herfließt. Durch die Religionen ward nachGoethe die Ehrfurcht dem Menschen vermittelt, und zwarim letzten und höchsten Maße durch das Christentum. Mögennun auch die Glaubeusvorstellnngen, welche den Gegenstandder Ehrfurcht darstellen, wechseln, immer bleibt als notwen-dige Voraussetzung jener moralischen Disposition des mensch-lichen Willens die Beziehung der sinnlichen Welt auf einÜbersinnliches, d, h, der Glaube.*)Alle Epochen," sagtGoethe in einer berühmt gewordenen Stelle,in welchen derGlaube herrscht, siud glänzend, herzerhebend für Mitwelt undNachwelt. Alle Epochen hingegen, in welchen der Unglaube,in welcher Form es auch sei, einen kümmerlichen Sieg be-hauptet, und wenn sie auch einen Augenblick mit einem Schein-glanze strahlen sollten, verschwinden vor der Nachwelt, weilsich niemand gern mit der Erkenntnis des Unfruchtbaren ab-quälen mag." Jene gläubigen Perioden sind die des sozialenHandelns, die ungläubigen die des Individualismus; in denersten verhält sich der Mensch thätig, in den letzteren theo-retisiercnd Gedanken, au welche die Cartyleschen starkanklingen, so folgendes aus den Gesprächen mit-Eckermann:Alle im Rückschreitcn und in der Auflösung begriffenenEpochen sind subjektiv, dagegen haben aber alle fortschrei-tenden Epochen eine objektive Richtung. Unsere ganze jetzigeZeit ist eine rückschreitcnde, denn sie ist eine subjektive. - Jedes tüchtige Bestreben wendet sich aus dem Juuern

*) Hierin liegt der Grundunterschied zwischen Goethe undCarlyle einerseits und Cvmte andererseits. Alle drei sind Positi-visten und Verteidiger einer antiindividualistischen Moral. Dieersten beiden jedoch halten die letztere für unmöglich ohne Bejahungüberindividueller, also transcendenter Werte, Comte dagegen setztals Ziel des altruistischen Wollens dieMenschheit ", ohne sich be-wußt zu werden, daß er hiermit derselben ebenfalls einen dem Ver-stände unbeweisbaren, auf Glauben beruhenden Wert beilegt.