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hinaus auf die Welt, wie Sie au alleu großen Epochen sehen,die wirklich im Streben uud Vorschreiten begriffen und alleobjektiver Natur waren." (Gespräch vom 29. Januar 1826.)
Beide, Carlyle wie Goethe, empfanden also den nega-tiven Charakter der Zeit, in welcher sie lebten — einer Zeit,die ,,das schlechte zu tadeln, aber nicht das gute zu thun",die „einzureihen aber nicht aufzubauen" verstehe. Beide,Goethe in noch höherem Grade als Carlyle, sehen trotzdemhoffnungsvoll vorwärts. Man vergegenwärtige sich die har-monische Persönlichkeit Goethes, um zu wissen, daß für ihndie Zukunft mit dem Fortschritt unlöslich verbunden war.Wie hätte er sonst überhaupt eine Utopie der Gesellschaftschreiben und dieselbe in die Zukunft verlegen können, wiehätte er den Vertreter des modernen Menschen, Faust, nachlangen Irrfahrten endlich doch der Erlösung zuführen können?Die Gewähr für die Zukunft fand er in dem, was er Re-ligion und Christentum nannte, mit welchen Worten er aller-dings einen weiteren Begriff verband als den gemeiniglichgebrauchten.*) Nicht nur daß die christliche Religion „nachden größten Verirrungen, in welche sie der dunkle Menschhineinzog, ehe man sichs versieht, sich in ihrer ersten lieb^
lichen Eigentümlichkeit---—, zu Erquickung des sittlichen
Menschcnbcdürfnisses, immer wieder hervorthut",^') in ihrhat die Menschheit auch eine Höhe erreicht, von der sie nichtwieder zurück kann. Goethe drückt dies dahin aus in jenerbekannten Stelle der Wanderjahre: „Man darf sagen, daßdie christliche Religion, da sie einmal erschienen ist, nicht wiederverschwinden kann, da sie sich einmal göttlich verkörpert hat,nicht wieder aufgelöst zu werden vermag.'"^) Wie nunin den Wandcrjahren die Religionen, und iusbesoudere die
*) Man vergl. hierzu jenes stolze Wort aus deu Gesprächenmit Kanzler v. Müller (S- 138): „Wer ist denn heutzutage einChrist, wie Christus ihn haben wollte? Ich allein vielleicht, obihr mich gleich für eiuen Heiden haltet."
**) Westöstlicher Divan , Noten zu Mamud Gasna.***) Buch II. Kap. 1. Vercst. des weiteren die oben zitierte Stelleaus dem Gespräche Goethes mit Eckermann vom 11. März 1832.