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höchste von ihnen, die christliche, jenes Geschlecht der Zukunftzur „Ehrfurcht" erziehen, so erblickt Goethe in ihnen dieQuelle, aus der die Menschheit Kraft zu neuem sozialenLeben und Aufbau schöpfen wird, um deu Einzelnen wiederdahin zu bringen, sich, wie er es ausdrückt, „zum Organ zumachen".
Wenn augenblicklich die negativen Mächte die Oberhandzu gewinnen scheinen, so beruht dies im Grunde darauf, daßwir uns augenblicklich in einem Übergangszeitalter befinden.Wenn nämlich die Menschheit den metaphysischen Zustanddes Denkens nunmehr cndgiltig abstreift, so kann auch dasChristentum nicht länger in Formen verharren, die jenerPeriode angehören. Aber alle verstandesgemäßen Anfein-dungen können dem Christentum ans die Dauer nicht schaden.Sein wahrer Kern wird aus den Kämpfen der Gegenwartum so klarer hervorgehen. „Auch werden wir alle," sagtGoethe, „nach und nach aus einem Christentum des Wortesuns Glaubens mehr und mehr zu einem Christentum derGesinnung und That kommen/' (Gespräch mit Eckermannvom 11. Mai 1832.) Wie weit aber auch dieser dogma-tische Auflösungsprozeß fortschreite, der Untergang der meta-physischen Denkweise und das Aufblühen des Positivismusbedeutet nicht notwendig den Materialismus. Dasselbe giltvon den Erscheinungen der moralischen Welt. Auch hier istman, mit Verlassen des dogmatisch christlichen Standpunktes,weder gezwungen noch berechtigt, eine mechanische, d. h. indiesem Fall utilitarische Erklärung eintreten zu lassen. Viel-mehr kann man in ihnen so gut als in den Erscheinungender Natur Offenbarungen eines Jenseits erblicken, wie diesnach Goethe alle produktiven Zeiten und Männer gethanhaben. Wird doch in ganz hervorragender Weise geradeans moralischem Gebiete der Mensch an jenen vom Verständeschlechterdings unauflöslichen Kern der Dinge erinnert.
Es war hier nicht unsere Aufgabe, die Punkte, in deuenGoethe und Carlyle auseinander gehen, näher zu beleuchten.Man hätte zu diesem Zweck, um den wichtigsten Gesichts-punkt anzugeben, auf Goethes Stellung zur Antike, auf die