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Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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sich daraus ergebende Idee einer höheren Einheit des Gutenund Schönen eingehen müssen Anschauungen, denenCarlylc unzugänglich war, weil der strenge Geist seiner Pu-ritanischen Vorfahren nie völlig die Herrschaft über ihn ver-lor. Unsere Aufgabe war vielmehr die, Carlyles Urteil überGoethe zu begründen. Ausgehend von einer Einteilung allermenschlichen Geschichte in Positive uud negative Zeiten, hatteCarlylc der Gegenwart einen durchaus negativen Charakterbeilegen zu müssen geglaubt. Dem gegenüber war ihm dieErscheinung Goethes das tröstlichste Zeichen der Zeit. Schiensich doch Wieder eine positive Zeit anzukünden in jenemManne, dessen Denken modern und dabei gläubig war undhoch über jener Aufklärung stand, die sich auf dcu Gassendes Besitzes der Zukunft rühmte. Von diesem Gesichts-punkte aus wird daS folgende, Carlyles Stellung zu Goethe zusammenfassende Urteil verständlich/')

So stellt sich von unserm Gesichtspunkte ans Goetheals der Vereinigcr und siegreiche Versöhner der zerfahrensten,widerstreitcndstcn Elemente des zerfahrensten und zerrissenstenZeitalters dar, welches die Welt seit der Einführung derchristlichen Religion gesehen, mit welcher alten chaotischenÄra der Weltkoufusion und Wcltrefusion, der schwärzestenFinsternis, auf welche das Dämmern eines hohen und himm-lischen Lichtes folgte, diese unsere jetzige wunderbare Ära inder That auch oft verglichen wird. Für das gläubige Herzaber darf keine Ära eine verzweiflungsvolle sein! Es liegtstets im Wesen der Finsternis, daß ein neues edleres Lichtdarauf folgt, ja daß sie ciu solches erzeugt. Die Leiden undWidersprüche einer atheistischen Zeit, einer in Lasterhaftigkeitund Unglaubeu versunkenen Welt, worin physisches Elendund die verzweiflungsvollc Desorganisation ganzer mit Un-wissenheit und Not kämpfcndcr Klassen nicht fehlen allesdies tritt wie die Frage einer Sphinx vor jedes neugeborene,fühlende nnd begabte Herz; es ist ein Wirrsal, bei welchemes sich um Leben und Tod handelt.

*) NisesIlAiikouZ Ü88g,)'s I, S. 47.