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Dreck des Augias war leider nur allzu historisch, und dochwar es eine Wohltat, dass Herakles den reinigenden Stromhindurchleitete. Ebenso kann man alles Historische ver-urteilen; denn alles Seiende wird vom Werdenden ent-thront. Das Werdende also ist das, was sein soll. Aber wirwissen: Nicht jede Veränderung ist ein Fortschritt. Manrät uns, das Notwendige von den zufällig begleitendenMißständen zu unterscheiden 37 . Aber das Naturgesetz kenntkeinen Zufall und keinen Mißstand. Um zu erkennen,was ein „Mißstand“ ist, bedürfen wir der Maßstäbe, dieuns keine Naturwissenschaft an die Hand gibt. Der han-delnde Mensch muss wählen. Seine Pflicht ist es, „dieTendenzen der Entwicklung“ zu bejahen oder zu verneinen,sich ihnen unter Umständen auch dann entgegenzustemmen,wenn die natürliche Entwicklung über ihn hinwegrollt.Wir bewundern das: Victrix causa diis placuit, sed victaCatoni. Hierzu bedarf der Mensch einer Weltanschauung,welche wie die Kants mehr als Naturwissenschaft ist, obsie gleich die Naturwissenschaft in sich schliesst. „Wissen-schaftlicher Sozialismus“ ist solange sinnlos, als man —mit Bernstein — unter Wissenschaft Naturwissenschaft undunter Sozialismus eine — wie immer gestaltete — Politikversteht 38 . Durchaus folgerichtig ist Sombarts unpolitischerMarxismus: Man kann die reaktionären Gewalten ruhigwirken lassen, da gegenüber der ehernen Gewalt der öko-nomischen Entwicklungsgesetze politische Bemühungen,selbst Revolutionen, nichts Wesentliches bedeuten 39 .
Aber Marx selbst ist kein Quietist — dieser glühendeTatenmensch mit starkem Nacken und wallender Mähne.Im Marxismus schlägt eine starke ethische Ader, welcheder Politik einen gewaltigen Blutstrom zuführt. Der Marxis-mus „fordert“ die Aufhebung des Privateigentums. Da erindessen den Kantischen Dualismus ablehnt, ist er Politikseiner theoretischen Grundlage zum Trotz, was, wie wirsehen werden, praktisch nicht ohne Bedeutung ist. Zu-nächst jedoch werfen wir einen Blick darauf, wie der