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Marx oder Kant? : Rede, gehalten bei der öffentlichen Feier der Übergabe des Prorektorats / von Gerhart von Schulze-Gävernitz
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Der Sozialismus bedarf als Politik einer Ethik. Kanndiese Ethik eine eudämonistische sein? Gerade wenn derGlückseligkeitstrieb als allgemeine Tatsache des mensch-lichen Seelenlebens feststeht, ist er ungeeignet, eineethische Norm zu begründen; denn was tatsächlich allge-mein ist, kann nicht der Gegenstand eines Soll sein,zu dessen Wesen die Möglichkeit der Nichtbefolgung ge-hört. Der Glückseligkeitstrieb ist dann in ethischer Hin-sicht neutral: weder gut noch schlecht, gleich dem Durstund dem Hunger.

Um von der Tatsache des allgemein verbreitetenGlückseligkeitstriebes zu einer ethischen und politischenNorm zu gelangen, bedarf es eines tollen Sprunges. Manmuss den Einzelnen davon zu überreden suchen, dass ersein Ziel am besten erreiche, wenn er seine Mitmenschenbeglücke. Für unbekannte Exemplare der Gattung homosapiens soll der blühende Jüngling auf dem Schlachtfeldedie Glücksmöglichkeit eines ganzen Lebens opferndazu auf dem modernen Schlachtfelde noch in kalterSelbstbeherrschung? Für ungeborene Zweifüssler soll derKopfarbeiter während eines Mannesalters Lebensfülle undNachtruhe dahingeben? Esel, die, Säcke auf steilem Pfadeemporschleppend, sich damit vertrösten, ihr eigenes Lust-quantum zu vermehren!

Wer sich aber überreden lässt, dem Glücke der Mit-menschen sein eigenes zu opfern, steht damit vor einerneuen Schwierigkeit. Wie weit ist der Kreis der Glücks-anwärter zu ziehen? Es leuchtet schlechthin nicht ein,weshalb die Lust der Vielen wertvoller sein soll als dieeiniger Erwählten. Könnte die möglichst grosse Lust-menge nicht besser in wenige grosse Säcke, als in vielekleine verstaut werden? Wäre dabei die Art der Lustnicht zu verbessern? Lohnen die Anstrengungen des so-zialpolitischen Kampfes, wenn nichts anderes erstrebt wird,als das australische Arbeiterparadies: fünf Fleischmahlzeitenam Tag und des Nachts Neomalthusianismus? Begnügt