43
In dem Zukunftsstaat unserer Sozialdemokraten, demwertvollsten Bestandteil ihrer ganzen Theorie, leben die Kantund die Fichte. Für sie zeugt der Schatten Lassalles, derals glühender Verehrer Fichtes dem kantischen Denken er-heblich näher stand als Marx und der orthodoxe Marxismus 9S .
Kritik. Der Marxismus will Politik sein; er bedarfdazu der Grundlage einer Ethik. Keine Ethik ohne Dualis-mus zwischen Sein und Wert. Denn im Sein ist wederder Maßstab noch die Verbindlichkeit der Werte enthalten.An Stelle des Monismus materialistischer oder spiritua-listischer Art (Marx, Hegel) bedarf der Sozialismus alsoeiner dualistischen Ethik, welche, wie die Ethik Kants, dieVerbindlichkeit wechselnder Sittengesetze und Partei-programme prüft und begründet — ähnlich wie die Logikdie Verbindlichkeit des Denkens feststellt. Ist letztere dieVoraussetzung der Wissenschaft, so ist erstere die Vor-aussetzung der Politik. In beiden Fällen handelt es sichum jene Bändigung und Gestaltung der Natur, welchedas Tier erst zum Menschen macht, indem sie ihm dieFähigkeit verleiht, sich selbst Kulturzwecke zu setzen. Inbeiden Fällen stehen lediglich formale Maßstäbe der Ver-nunft in Frage, welche — entgegen Hegel — erst durchdie „Erfahrung“ Inhalt gewinnen. Mit dem Monismusfällt zugleich Marxens Intellektualismus. Marx scheitert,indem er das „Soll“ als naturnotwendig „beweisen“ will.Der Zukunftsstaat verliert verbindliche Kraft, wenn er alsunabwendbares „Muss“ — etwa wie die vom Astronomenvorhergesagte Sonnenfinsternis — feststeht. Kein Sozialistwürde zu seiner Herbeiführung auch nur den kleinenFinger rühren. Denn alles Handeln ist an den Wider-stand einer „stumpfen“ Welt gebunden. Es hat zur Vor-aussetzung die grundsätzliche Beschränktheit des mensch-lichen Erkennens, welche nie und nimmer das Einzelneals notwendig zu erfassen vermag. Der „wissenschaftlicheSozialismus“ bricht unter Kants irrationalistischer Erkennt-nistheorie zusammen 94 .