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färbte Humanitätsmoral, die ihnen aus dem Materialismuszu fliessen scheint 88 .
Aber es wäre ungerecht, den Marxismus oder garden deutschen Sozialismus auf den „Glückseligkeitskalkül“der westeuropäischen Aufklärung festzunageln. Geradeder Mangel einer wissenschaftlich geklärten Ethik erlaubtihm, eine verborgene, aber tiefe Wurzel in die deutscheVorzeit zu senken, aus der seine beste Stärke aufsteigt.Unter Schichtungen materialistischer und eudämonistischerGedankenmassen reckt sich der gefangene Riese, um zuglücklicher Stunde vielleicht lastende Berge bei Seite zuwälzen: der deutsche Idealismus. Er lebt in der viel ver-spotteten Lehre vom Zukunftsstaat, der gerade, weiler nicht beweisbar ist, ein Gegenstand opferwilliger Hin-gabe sein kann. Der Zukunftsstaat der deutschen Sozial-demokratie ist etwas anderes als ein Festmahl im Liebes-garten, serviert nach französischem Menu.
Aus dem Bewusstsein, Pioniere einer „höheren Kultur“zu sein, schöpfen seine Anhänger immer neue Begeisterung.Bei Marx und Engels ist der Zukunftsstaat „das Reich derFreiheit“, in dem der Mensch — zum erstenmal wirklicher„Herr der Natur“ — seine Vergesellschaftung als die aufSolidarität gegründete Freiheit in selbstbewusstem Schaffenhervorbringt 89 . Der von Marx empfohlene „proletarische“Philosoph Dietzgen kennt neben den wechselnden Zweckenden „einen Zweck aller Zwecke“ und stellt der Arroganz,welche eine Art von Sittlichkeit zur Sittlichkeit über-haupt stempelt, die eine Sittlichkeit entgegen, die „ewigheilige“ 90 . Heute fordern Männer wie Bernstein und Heineausdrücklich „Ideale“ des Sozialismus. Der Sozialist, derdie Gemüter entflammen wolle, bedürfe der „ewigenRechte“, die oben hangen unveräusserlich 91 . Selbst einMehring erklärt den „Glauben an die Macht des Guten“für „Selbstverständlickeit“ — die Macht des Guten? Wahn-witziges Paradoxon gegenüber dem nach mathematischenBewegungsgesetzen dahin rollenden Naturmechanismus 92 !