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teiligen Scheines den Sieg gewährleistet. Dieser Glaubeist keine „Selbstverständlichkeit“ — Selbstverständlich-keiten stehen auf schwachen Füssen — sondern er ist Kantswohlbegründeter „Vernunftglaube“. Mit einem Wort: DerSozialismus zertrümmere das Hegelsche Gerüst, die vonMarx und Engels so hoch gepriesene, von Bernstein be-kämpfte Dialektik. Er ergreife Hegels Kulturgehalt, dieLehre vom objektiven und absoluten Geist, in der daserste Ergebnis der von Kant ausgehenden Bewegung inwunderbarer Abrundung — wenn auch nur zeitgeschicht-lich — zusammengefasst ist 104 .
Aber bei keiner dieser gesellschaftlichen oder geistigenErrungenschaften verweile der Sozialismus, der aus Kants Jungbrunnen getrunken hat. In unendlicher Sehnsuchtnach der Idee leiste er freudig die Kleinarbeit des Tages,ohne auf ihren Erfolgen auszuruhen. In ihm lebe un-ermessliche Triebkraft, ewiges Streben. In Feierstundendes „Endziels“ gedenkend, vernehme er die Stimme derMeister und sichere sich dadurch gegen opportunistischeund possibilistische Verflachung. In ihm lebe Kants Lehrevom „allgemeinen weltbürgerlichen Zustand“, in dem dieFreiheit eines jeden Gliedes nur durch die Zusammen-stimmung mit der Freiheit aller andern eingeschränkt ist,in der „Niemand mehr Vorteile geniesst, damit die Anderndesto mehr entbehren müssen“. Was ist diese Lehreanders als der unendlich vertiefte Gedanke des Zukunfts-staates? „Jedes Glied soll in einem solchen Ganzen nichtbloss Mittel, sondern zugleich auch Zweck sein, und, indemes zu der Möglichkeit des Ganzen mitwirkt, durch die Ideedes Ganzen wiederum, seiner Stelle und Funktion nach,bestimmt sein“ 105 . „So wird von den Deutschen aus erstdargestellt werden ein wahrhaftes Reich des Rechts, wiees noch nie in der Welt erschienen ist, in aller der Be-geisterung für die Freiheit des Bürgers, die wir in deralten Welt erblicken, ohne Aufopferung der Mehrzahl derMenschen als Sklaven, ohne welche die alten Staaten nicht
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