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Die Entlastung der Culturarbeit durch den Dienst der physikalischen Kräfte / von M. M. von Weber
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freien Gebieters durch die Körperarbeit des Sclaven entlastet,das Christenthum strebte den Geist der ganzen Menschheit durchdie Negation des Leibes überhaupt zu entlasten.

Indem das christliche Dogma die leibliche Existenz für einUebergangsstadium, den Körper für den sündlichen, auf alle Weisein seiner Wirksamkeit zu beeinträchtigenden Theil der Menschen-natur erklärte, sprach es ihm die Berechtigung der Pflege seinerInteressen durch die Cultur ab. Hingegen schuf es eine Weltvon Vorstellungen und Bildern voll Poesie und ernsten Lebens,in der die Entkörperung des Geistes durch die Askese die herr-schende Rolle spielte.

Da in dieser Sphäre die göttlichen und menschlich-geistigenKräfte, ohne an die Hemmnisse der physikalischen Gesetze unddes Raumes und der Zeit gebunden zu sein, walten durften, sokonnte in. ihr jene unabsehbare Reihe von Heiligengeschichtenund Legenden entstehen, deren Tendenz immer die Entlastungdes Gottgefälligen, vornehmlich aber des Gläubigen, von der be-schwerenden, die Gottseligkeit hindernden Körperlichkeit durchdie Macht des Glaubens ist.

Diese, man gestatte den Ausdruck, christliche Mythologie,bildet den Boden, aus dem die gesammte mittelalterliche undmoderne Kunst emporwuchs, in welchem die ganze Kulturarbeitdes Mittelalters wurzelte.

Durch die absolute Freiheit, welche diese Welt dem Waltender Phantasie, der Verwendung der Menschenerscheinung, ohneRücksicht auf Schwere und Stellung im Raum gewährte, mufsteeine der gröfsten Kunstperioden der Geschichte, ja, durch denBund von Kirche und Kunst, ein langdauerndes, souverainesRegiment der letzteren im Culturgange hervorgerufen werden.

Kraft der Befreiung der Erscheinungen von den physikalischenNothwendigkeiten, welche diese Ideenwelt forderte, konnte nurdie Malerei die -charakteristiche Kunst der mittelalterlichenCulturwelt sein, wie es die mit der ganzen Schwere kraftvollerKörperlichkeit auf der Erde stehende Sculptur für die Antikegewesen war, die Musik es für die moderne geworden ist, in derdie Kunst mit dem Leben nur durch Vermittelung undefinirbarerIdeen und Empfindungeu im Contakt steht.

In der asketischen, preraphaelitischen Kunst tritt daher die