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vom Irdischen fast ganz entlastete Menschenerscheinung nur alsHieroglyphe für einen höheren Begriff auf.
Als Symbole für Tugenden und Sünden zeigt sie dieselben inGestalt von Heiligen und Teufeln, während ihre Personificationender dienenden, guten und bösen Kräfte, mit denen die antikeKunst in Gestalt von Halbgottheiten und Dämonen sinnlich schöndie Welt bevölkerte, zum Zeichen ihrer Befreiung von der Körper-lichkeit, mit Flügeln versehen, als leuchtende und gefallene Engelden Schöpfungsraum durchflattern.
Die Tendenz der christlichen Ideenwelt, den Menschen durchdie Askese von seiner sündigen Körperlichkeit, zu Gunsten seinerGottseligkeit, zu entlasten, kommt in der frühen christlichenKunst bis Cimabue , vornehmlich bei ihrer Pflege durch die düsterenByzantiner, mit schroffer, die Schönheit des Menschenleibes oftvöllig negirender Abstractheit zur Erscheinung. Erst das Wieder-erwachen des Einflusses der Antike, der Uebertritt des Kunst-lebens in die Mitte des heiteren romanischen Geistes, mischt ihrgenug von sinnlicher Wärme und Rundung bei, dafs es dengrofsen Künstlern des Cinquecento gelingen konnte, sie zumAusdrucke einer der höchsten Geistesblüthen zu machen, welchedie Geschichte aufzuweisen hat.
Aber mit dem Abschlüsse ihrer transcendentalen Richtunghatte die Kunst ihr Amt, als Mittel zur Lösung des Problemsder Entlastung von der Körperlichkeit, erfüllt.
Sie verlor ihre Berechtigung, dabei mitzuwirken, in demMafse immer mehr, je üppiger und wärmer der Körper in ihrwieder mit der ganzen Schwere von Fleisch und Blut zur Gel-tung kam.
Die meisten Werke Raphael’s, Michel Angelo’s und ihrerNachfolger haben mit der Entlastung des seelischen Lebens vonder Körperlichkeit Nichts mehr zu schaffen.
Der Weg, den das Mittelalter zur Lösung des Problems ein-geschlagen hatte, führte daher in sich selbst zurück und neuePfade zum Ziele mufsten eingeschlagen werden.
Schon die grofsen Meister des 14. und 15. Jahrhunderts warennicht Künstler allein. Sie beherrschten die damals bekanntenGesetze der Statik und der Mittel der Lastbewegung. Rafael,Bramante, Michel Angelo, Leonardo da Vinci warenArchitekten und Ingenieure im vollen Sinne des Wortes, als die