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Breite der Massen hinaus als in die Tiefe der Indivi-duen hinein. In demselben Maße haben sich körperlicheBrutalität, Grausamkeit und Unempfindlichkeit aus demöffentlichen Verkehr, dem Familienleben, dem Polizei-, Justiz-und Soldatenwesen verloren. Schauspiele der Rohheit undScheußlichkeit, welche vor hundert Jahren eine zarte Hof-dame mit Gemütsruhe angesehen hätte, würden heute dasmenschliche und ästhetische Gefühl eines Hökerweibes empören.Unter Georg II, war es noch Sitte, daß die Leute aus derfeinsten englischen Gesellschaft an Sommernachmittagen nachTyburn, dem Richtplatz, hinausfuhren, um sich an dem An-blick der allwöchentlichen Auspeitschungen liederlicher Weiberzu belustigen; und wer von dem Privatleben FriedrichWilhelm I. von Preußen einige Kenntnis genommen hat,der weiß, daß — auch abgesehen von den Stockschlägen, mitdenen er seine Kavaliere traktierte — heute kein Holzhauersich so unflätig benehmen würde wie jener fromme König.Aber weil zu gleichen Zeiten die religiöse Fantasie sich ge-räuschvoller als heutzutage mit übernatürlichen Anschauungenherumtrieb, läßt sich unsere Mitwelt von den Nutznießern ver-moderter Zustände ob ihrer materialistischen Versunkenheitabkanzeln und schlägt in komischer Einfalt zuletzt selbst andie unschuldige Brust. Nicht anders verhält es sich mit dermoralischen Weltbeschaffeuheit. Kehre doch, ich bitte dich, indas erste beste Kapitel der Geschichte ein, und du wirstgrade in jenen Zeiten, wo das unsterbliche Seelenheil unddie Posaunen des jüngsten Gerichts unablässig widerhallen,auf Schritt und Tritt Beispielen von Verrat, Treulosigkeit,Wortbruch. Gewalt und Eigennutz begegnen, welche heuteschier unmöglich wären und damals mit der größten Naivetätbegangen wurden. Es ist umgekehrt freilich auch ein unend-lich weiter Abstand zwischen meiner Überzeugung und derÜberzeugung Derjenigen, welche sich mit satter Zufriedenheitin der Sanftmut und Aufklärung des Jahrhunderts spiegeln
Ludwig Bambergsr's Ges. Schriften. HI. 14