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und uns undankbar finden, daß wir uns nicht dabei be-ruhigen wollen. Es fehlt wahrlich nicht an Dummheit,Schlechtigkeit und Elend, welche zu beseitigen man für mög-lich halten darf, ohne ein unpraktischer Schwärmer zu sein,und grade die Erfolge der Vergangenheit können uns darinermutigen. Aber soviel scheint mir festzustehen, und das istes, worauf ich nach einem vielleicht zu langen Umwegehinauskommen wollte: die nichts weniger als materialistische,vielmehr vorwiegend geistige Eingenommenheit unseres Ge-schlechts ist den gefährlichsten Verlockungen ausgesetzt undganz vorzüglich in dem besonderen Fall der Grundübel,welche an dem deutschen Staatsleben nagen. Unsere ganzepolitische Aktion und Agitation kommt nicht aus der Formdes allerabstrakteften Denk- und Redeprozesses heraus, und,was das Schlimmste dabei ist, wir treiben uns mit dem be-kannten hochkomischen, philisterhaften Urbehagen darin herum,in süßestem, breitestem, entzücktestem Selbstgenügen. Dasist der Jammer, das die unheilbare Krankheit. Freilichweiß ich es, was man mir erwidern kann: die schlechte Me-thode ist nicht Gegenstand der freien Wahl, und die Fehlerfind nicht einseitig unserem Naturell aufzubürden. Werhangt, der verlangt, sagt man im Volke; und nur weil esallerdings so ganz verteufelt schwer ist, eine praktische Hand-habe znr Beseitigung des auf Deutschland lastenden Feudal-wesens aufzufinden, ergibt sich die Nation jenen erbärmlichunfruchtbaren, theoretischen Bemühungen, welche eben Deutsch-land wieder mit dem hohlsten Wortgeklingel uud deralbernsten Scheinbewegung ausfüllen. Zu allen Flüchenrufen wir stets von Neuem auch noch den der Lächerlichkeitherbei.
Lächerlichkeit! Es ist eigentlich sündhaft so zu reden,aber die Vorstellung von Glück und Verdienst sind in unse-rem von Grund aus durch den Dämonismus aller Reli-gionen verschrobenen Gehirn so mit einander verknetet, daß