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3 (1895) Politische Schriften von 1848 bis 1868
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Erreichung desselben. Das Bewußtsein eines Mangels istmindestens der erste Ansatz zur Überwindung desselben, nichtselten vielmehr das Symptom einer bereits weiter gediehenenReife. Umgekehrt verrät die Zufriedenheit oder sogar derStolz über gewisse Leistungen die Beschränktheit der Ein-sicht in und der Forderungen an sich selbst. So glaubtedas Mittelalter Wunder was von seiner Menschenliebe undWohlthätigkeit, weil das Pfaffen- und Klosterwesen die mitihm innig verwandten und verwebten Betilerhorden ernährte.Heute klagt sich die Gesellschaft des Elends ihrer unterenSchichten mit schreienden Worten an und erklärt sich schuld-voll, so lange der brennende Vorwurf des Proletariats nichtvon ihrem Gewissen getilgt sei. Gleisznerische Obskurantenmachen sich diesen scheinbaren Gegensatz zu Nutze, um dieSegnungen ihrer guten alten Zeit dem Jammer des heu-tigen Geschlechts entgegenzusetzen. Aber wie Wenige solltenso einfältig sein ihnen zu glauben, und welch' ein beschei-denes Maß von Kenntnis der Staats- nnd Sittengeschichtegehört dazu, um nicht zu übersehen, daß die Lebenslage derMassen so beklagenswert sie immer noch sein magin diesem Jahrhundert um ein Unendliches besser bestelltist, als in den früheren? Gleicher Weise verhält es sichmit der Beschuldigung des Materialismus. Thatsächlichwaren unsere Voreltern so viel mehr als wir in Rohheitder Anschauung und des Lebens befangen, daß es ihnengar nicht beikommen mochte, sich der allzu großen Hin-gebung an die stoffliche Welt zu bezüchtigen. Allerdingssprachen sie vielleicht vom unsichtbaren Geist mit mehr zer-knirschter Ehrfurcht als wir. Aber das lag eben daran,daß sie mit allem Geistigen weniger vertraut, dasselbe alsein fremdes, ihnen aus der Ferne vorschwebendes und un-heimliches Wesen zitternd anbeteten. In Wirklichkeit istdie Summe des geistigen Lebens in unseren Tagen gegenfrühere Zeiten millionenfach vervielfältigt, sowohl in die