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sich aus dem Schooß der Welt durchbohrende Wahrheit, andie Nächtens herumpatrouillirende Idee, an die über Bergund Thal einherwallende Geschichte. Trostbedürftige Herzenmögen sich in den Umgang mit diesen erhabenen Gespensternaus der Dürftigkeit des Lebens flüchten. Was mich betrifft,so habe ich immer gesehen, daß die mechanischen Gewalt-instrumente, wenn auch alle geistige Autorität ihnen fehlt,noch sehr gut ihren Zweck erfüllen, die Menschen niederzu-halteu, und daß im Grunde noch nie eine mechanische Herr-schaft schließlich anders denn mit mechanischen Mitteln ge-brochen worden ist.
Nirgends sollte es überflüssiger sein, an diese Thatsachezu erinnern, als im lieben Vaterlande, und nirgends dochist sie schwerer verkannt. Gibt es irgendwo in der Welteinen krasseren Gegensatz von Sachverhalt und Bewußtseinals in Deutschlands Verfassung? So ausgemacht ist es seitJahrzehnten, wie unzureichend, unwürdig nnd unvernünftigunsere staatlichen und nationalen Zustände seien, daß kaumeiner unserer absoluten Fürsten oder ihrer servilsten Hof-zeituugsschreiber die Abgeschmacktheit und Zweckwidrigkeitunserer buntscheckigen Verhältnisse öffentlich zu leugnen wagt:und dennoch währt derselbige Jammer, über welchen seiteinem halben Jahrhundert das gesamte Volk Zeter undHohngelächter ergießt, auch schou ein halbes Jahrhundertlang unabänderlich fort. Zwei- bis dreimal, wenn die Welt-stürme sie durcheinander gerüttelt, haben Fürsten und Ritterlaut unter Gottes Himmel verkündet, wie das Alles uner-träglich sei und von nun an besser werden müsse; uud immerwieder nach »erbrausten Winden ist zu jener alten Ordnungder Dinge zurückgekehrt worden, welcher auf offenem MarktHenkershand den Stab gebrochen hatte.
Wo in aller Welt soll ich da die Macht des Geistes,den Fortschritt durch Erkenntnis gewahr werden? WennEinsicht und Bewußtsein etwas über Schloß und Riegel ver-