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3 (1895) Politische Schriften von 1848 bis 1868
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des Übergangs ins Leben an würden die Gegensätze nichtminder grell aneinanderprallen. Immer und überall dasBedürfnis der Selbsttäuschung und die ängstliche Vermei-dung alles dessen, was an die bittere Wirklichkeit erinnernkönnte! Und aus demselben Grunde findet dieser durchwegabstrakte, nur in theoretischen Formen lebende Geist fürseine Bedürfnisse keinen höheren und keinen näheren Gegen-stand als die Gewährung parlamentarischer Formen. EineNationalvertretung, eine Volksrepräsentation beim Bundes-tag, oder wie sonst die Sache benamst werden mag, dasbleibt immer der Brunnen, aus dem ein Trunk den Durstauf ewig stillen soll. Abermals ein Ausfluß des supra-naturalistischen Vertrauens in die Macht geistiger Anstalten.Das Dogma des Parlamentarismus entspringt aus einemzweifachen Trugschluß, der seinerseits immer wieder in derspiritualistischen Befangenheit unseres Zeitalters wurzelt.Zum ersten verläßt dies Dogma sich darauf, daß die feier-liche Erörterung und Verkündigung der Wahrheiten durchdie fiktiven Orgaue der Gesamtheit an und für sich einezwingende Machtentfaltung in die Welt stelle. Zum zweitenlebt es in der irrigen Verwechslung zwischen Rednergabeeiner und praktischer Tüchtigkeit und redlichem Willenandererseits. Alles Huldigungen an den theoretischenSchein. Daß die rohe Sinnenwelt sehr zuverlässige Mittelbiete, um die geistige Autorität parlamentarischer Versamm-lungen zu bewältigen, hat keine Zeit so handgreiflich be-wiesen, als die unsrige. Kein Land des Kontinents bei-nahe, oder es hätte in den letzten zehn Jahren einmaleinem mehr oder weniger mittelbaren Staatsstreich gegenseine parlamentarische Verfassung beigewohnt- Freilichstellen wir uns heute an, als hätte der arme Kurfürst vonHessen ganz allein seine ma^na Odarw zu Fidibussen ver-braucht. Wahrhaftig mich jammert diese verfolgte Unschuld,denn wenn mir nicht mein Gedächtnis einen ganz infamen