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3 (1895) Politische Schriften von 1848 bis 1868
Entstehung
Seite
220
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Streich spielt, so hat auch sein heutiger Verfolger einigerettende Thaten auf dem Bewußtsein. Ist doch meines Er-innerns die jetzige Berliner Volks- und Herrenkammer nichtso ganz freiwillig und urgesetzwüchsig aus einer National-versammlung hervorgegangen, die nicht minder eidkräftigbesiegelt gewesen, als die Kasseler Ständekammer. Auchhat sich in allen deutschen Residenzstädten dieselbe Prozedurwiederholt, und wo die Bajonette nicht exerziermäßig nachStuttgarter Manier eingeschritten sind, war es blos, weilihr Blinken aus der Ferne genügte, um die wortprangendeMajestät der Volksvertretung zur Rückkehr in den vormärz-lichen Staub zu bestimmen.

So wenig zuverlässig als Waffe nach außen, so weniguntrüglich ist die parlamentarische Institution als Heils-anstalt nach ihrem inneren Wesen. Zu einer beratschlagen-den, d. h. rcdeführenden Versammlung werden natürlicherMaßen vorzugsweise Diejenigen berufen, welche die meisteZungenfertigkeit besitzen. Redekunst ist nichts als eine be-sondere Art von litterarischer Befähigung. Diese aber istganz und gar zweierlei mit welt- und geschäftskundigerEinsicht, und auch von der letzteren bis zu der bürgerlichenund politischen Tugend liegt noch eine weite Sirecke. EineVolksvertretung sollte ihrem Begriffe nach eine Vereinigungsolcher Männer sein, welche mit dem tiefsten Verständnisdes Staatslebens den redlichsten Willen für das allgemeineBeste verbänden; allein das blendende Bedürfnis nach ora-torischen Leistungen, welches in den Debatten die erste Rollespielt, hat für die Zusammensetzung solcher Versammlungeneiuen ganz anderen Maßstab, den der litterarischen Quali-fikation, untergeschoben. Es giebt sehr viele Meuschen,welche das Vermögen einer glänzenden Diktion besitzen unddabei nur ein beschränktes Maß von gesundem Verstand.Stände der allgemein herrschende Geschmack aus der Höheder Vollkommenheit, wovon er weit entfernt ist so