— 221 —
wäre allerdings ein Teil der Gefahr beseitigt, denn diewahre Beredsamkeit fällt zusammen mit der Leistung desgediegensten Inhalts an Gedanken. Jedoch sogar von diesem— meistens verkannten — höheren Standpunkt aus ver-bürgt der talentvolle Redner noch lange nicht den tüchtigen,den redlichen Sachwalter des Volks. Einer der geist- aberbei weitem nicht der charaktervollsten Menschen des Jahr-hunderts hat die witzige Redensart in Gang gebracht: „KeinTalent doch ein Charakter," oder auch, wie er sich ein ander-mal ausdrückt: „schlechte Musikanten aber gute Bürger."Der Witz ist gut und berechtigt, entsprang aber doch ausdem instinktiven Bedürfnis, die eigene Geistespräge durchVerspottung ihrer Kehrseite zu rächen. Denken wir uns,es gäbe, wie M Swapgeschäfte auch für die Angelegen-heiten des Gemüts und der Empfindung parlamentarischeEinrichtungen, wäre nicht Heinrich Heine unfehlbar einesder glänzendsten Lichter in solch einem Gefühls-Unterhausgeworden? Hätte nicht Alles andächtig geschwiegen, wenner mit irgend einem Herzens-Antrag die Nednerbühne be-treten und Alles in Rührung und Wehmut fortgerissen hätte?und wie wenig möchte der Privatmensch ein solches Ver-träum gerechtfertigt haben? Nur unschuldige Jünglingeund überspannte Frauenzimmer stellen sich unter ihrem je-weiligen Lieblingsschriftsteller den Mann vor, welcher fühltund handelt wie seine edelsten Romanhelden; und wie un-endlich selten ist ein Professor der Philosophie auch einPhilosoph! Diese selbe falsche Voraussetzung der Identitätvon rednerischer und politischer Begabtheit erklärt zu einemgroßen Teil die bitteren Enttäuschungen, welche die Neuzeitan ihren Volksvertretungen erlebt hat, und rechtfertigt ineinem gewissen Grade die Verdrießlichkeit, mit welcher zu-weilen gegen das Überwuchern des Advokatenstandes in denParlamenten losgezogen wird. Schließlich aber ist dieseKonzentrirung der politischen Kraft und der politischen