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3 (1895) Politische Schriften von 1848 bis 1868
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Ausschutz, der Ausschutz ernennt einen Berichterstatter, jederwirft den Ball dem andern zu. jeder befiehlt den Geist, dener nicht hat, in die Hände seines Abgeordneten, bis dannvon Stufe zu Stufe, von einem Aufschub zum anderen dasProblem abgekühlt, abgeniergelt und abgeblaßt in irgendeinem langweiligen Druckbogen zu Tage kommt, der nurdeshalb nicht mit dem Unwillen und dem Schmerze bittererEnttäuschung empfangen wird, weil langes Ermatten undspätes Erkalten die Unerquicklichkeit und Unfruchtbarkeit desganzen Bemühens längst zu Tage gefördert hatten. Indiesen Zuständen spiegelt sich am deutlichsten die ganz ver-kehrte, weil übertriebene Rolle, welche die parlamentarischenAnstalten in der modernen und besonders in der deutschenFantasie spielen. Was da nicht in der großen Gesamtheitvorhanden ist, das kann die kleinere ihr nicht zurückgeben;der Entschluß und die Erfindung, zu welchen nicht die Nationherangereift ist, werden ihr nie aus dem Schoße ihrer Er-wählten entsprießen. Parlamente mit einem Wortesind da. um Erobertes zu bewahren und zu entwickeln, abernicht um zu gestalten, was nie da gewesen. Sie sind einBollwerk, aber keine Mauerbrecher. Wer sie einsetzt, ehe erdas Reich der Freiheit im Fundament gegründet, der bahntnicht dem Fortschritte, sondern dem Verrate einen Weg; wersie aber vollends vorschiebt, damit sie erfinden und erkämpfen,was nicht vorher der Gedanke der Nation erfuuden und derArm der Nation erkämpft hat, der treibt nur Schabernackmit seinen eigenen Sinnen. Man hat das Frankfurter Par-lament seiner Zeit- und Kraftvergeudung angeklagt. DieseAnklage war nur der zweite Teil und die Vervollständigungder ärmlichen Selbsttäuschung, in welcher sich die ganzeNation herumtrieb. Als sie, im Zustände ihrer thatsächlichenUnfreiheit verharrend, mit allen vormärzlichen Unterdrückungs-Anstalten auf dem Nacken, eine beratschlagende Versammlungals theoretisches Sinnbild der Befreiung installierte, da war