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3 (1895) Politische Schriften von 1848 bis 1868
Entstehung
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samtinhalt der Lebensaufgabe ausdrücken, heißen sie nunSchönheit, Tugend, Recht, Freiheit, Glück, oder wie siesonst wollen, fassen sich schließlich doch in Eins zusammen.Dies Eine ist: Wahrheit. Alles Leben der Intelligenzdreht sich um die Teilnahme des Individuums an allge-meinen Wahrheiten; und wenn letztere auch als Gegen-stände der besonderen Aufmerksamkeit teilbar erscheinen, soist doch der Nachweis überflüssig, daß sie an der Wurzelein unteilbares Ganze, ja durchaus nur einunddasselbe aus-machen. Große Künstler waren daher auch immer großeMenschen und lebte» das ganze Dasein ihrer Zeit nach allenRichtungen hin mit. Wenn heutzutage die Farben- undTon-Virtuosen es zur Konservierung ihres ästhetischen Teintsfür notwendig erklären, sich gegen alle rauhen Winde derpolitischen Welt zu vermummen, so kommt es eben daher,daß wir viel mehr Kunsttändelei als Kunst vor Augen sehen,und daß dem Spiele allerdings jeder Ernst eine Störung ist.Noch läppischer ist die litterarische Schönseligkeit, weil ihrder falsche Denkprozeß viel weniger natürlich steht, als demin die unmittelbare Form versenkten Gehirn des Künstlers.In der Betrachtung des Lebens vorsätzlich dem auf derOberfläche Wohlgefälligen nachjagen und die Innenseitemeiden, da wo die positiven Thatsachen unsere Ansprüche andie Harmonie des Daseins verletzen, darauf reduzirt sich jadie ästhetische Vornehmheit das ist doch am Ende nureine andere Art. sich aus stiller Verzweiflung irgend einerForm des Rausches zu übergeben. Das ist in seiner ab-geschmacktesten Weise schon da gewesen, als Könige und Hof-leute, welche von dem Schweiß des Landes praßten, in ihrenMußestunden die arkadischen Schäfer agierten.

Nein, mein Freund, ich ehre den sogenannten Pessimis-mus, der in seinem Wahrheitsdurste alle Erscheinungen desLebens umkehrt, damit er sie genau und auch von ihrerSchattenseite beschaue, nicht weil er sich am Anblick des