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3 (1895) Politische Schriften von 1848 bis 1868
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Übels weidet, sondern weil die Ehrlichkeit seines Strebensihn nicht ruhen läßt, bis er allen verborgenen Rissen undSchäden der Dinge nachgesehen habe. Er entspringt, dieserPessimismus, aus dem rastlosen Eiser für das Gute; aberich verlange auch Selbsterkenntnis genug von solchem Wahr-heitsfreunde, daß er sich nicht selbst so beschränkt und ober-flächlich auffasse, wie die thörichte Welt, welche ihm vor-wirft, dem Übel zu huldigen uud das Gute als einen wesen-losen Schein zu verspotten.

Du willst praktisch sein, mein Freund, und du siehstnicht einmal, was in deinem eignen Innern vorgeht; Einesist aber noch schlimmer und unpraktischer: du ahnst nicht,daß du dir deine eignen Waffen stiehlt, um sie dem un-würdigsten deiner Gegner zu borgen. Es ist unter Kennerndes menschlichen Herzens eine ausgemachte Sache, daßnichts vorsichtiger zu gebrauchen sei, als Selbstanklagen.Öffne dem ersten besten Tropf dein Herz mit der Bekennungdeiner Mangel, er wird sie salbungsvoll einstreichen unddir bei Heller und Pfennig anschreiben. Seine eigenenSchwächen kennt er nicht einmal von Ferne, und an deineTugenden würde er nicht glauben, selbst wenn du es über-winden könntest, davon zu reden. So hast du schließlichnichts geleistet, als irgend einen Gimpel in der Anbetungseiner eigenen Vortrefflichkeit und in der Mißachtung derBesseren zu bestärken, die Distanz zwischen ihm und seinerBekehrung zu erweitern. Wenn einem unserer Widersacherdeine Ausfälle gegen die Selbstherrlichkeit des Gedankens,gegen parlamentarische Verfassung, gegen die Hinneigungzu Preußen unter die Augen kämen, was würde er darausfolgern? Daß du der roben Gewalt mit Verachtung allenFortschritts die Ehre gäbest, daß du die despotische Re-gierungsform als die allein vernünftige anerkenntest, unddaß du die Herren von Rechberg , Veust und von der