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wohl, das ist er. Dieser Vorwurf ist sein Stolz. Das Reichder Freiheit ist das Reich des Geistes. Zwischen dem Ge-danken und der brutalen Gewalt giebt es nichts Drittes.Du hast es wiederum erlebt: sobald Du dem nüchternenRealismus die Macht in die Hände giebst, hat er nichtseiligeres zu thun, als sie dem Schwerte zu überliefern. DasFreiheits-Jdeal des moderneu Ordnungsfanatikers ist nichtmehr das des antiken Republikaners oder des mittelalter-lichen Städters, welcher seine Würde darein setzte: mitzuratenund mitzuthaten. Sein Ideal ist die Freiheit der Ruhe,d. h.: der Ungeschorenheit; er bildet sich ein: es sei möglich,Herr im Hause zu sein, ohne sich selbst um die Wirtschaftzu kümmern. Und doch könnten auch hier ihm Steine pre-digen. Wovon erzählen sie, jene Städte des Mittelaltersvon Flandern bis nach Italien , in deren verödeten Straßendas Gras wächst, deren Mauern einer herabgeschmolzenenEinwohnerschaft zu weit geworden sind, deren Paläste wieKönigsmäntel um ihre Bettlergestalten schlottern? Sie er-zähle« von einer ruhmreichen Bürgerschaft, welche Zeit genughatte, ihre Staatsangelegenheiten zu führen, selbst mit Königenzu unterhandeln, gelegentlich auch in Parteienzwist zu zer-fallen, für ihre Freiheiten zu kämpfen, dabei aber nichts-destoweniger die Schätze des Ostens und Westens in ihreWarenlager zu sammeln und Denkmäler des Reichtums, derMacht und des Genies zu hinterlassen, welche den Stolzihrer unter fürstlicher Oberhoheit herabgekommenen Enkelausmachen. Heute aber erbebt alles vor dem Luftzug einerDebatte, und selbst ein vernünftiger Mensch, wie Du, klagtdarüber, daß die Nationen nicht denken können ohne zureden. Oder ist Dein ganzer Ausfall gegen die Gefahrender politischen Eloqnenz etwas anderes als die Umschreibungdieses Vorwurfs? Das Wort ist die Empfängnis des Ge-dankens, und gleicherweise giebt es kein politisches Leben,das heißt: kein gemeinsames Denken, ohne öffentliches