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3 (1895) Politische Schriften von 1848 bis 1868
Entstehung
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Es gibt kein häßliches Porträt. Jedes Abbild, undsei es noch so getreu, verklärt; selbst die mechanische Photo-graphie leistet das. Ein Bild ist eben doch immer eine Ab-straktion und schwebt über dem Wirrwarr des Lebens. Wasaber für das Menschenantlitz das Konterfei, das leistet fürdas Ereignis die Geschichte. Wie groß und hinreißend auchdie Entsagungsszene in derNacht des vierten August gewesen seinmag. noch reiner und erhabener steht sie jedenfalls im Rah-men der Geschichte da. Die Gegenwart ist für die Vorgänge,was der Kammerdiener für den großen Mann. Sie siehtihr Objekt zu sehr aus der Nähe und empfindet es in einemverkleinernden Maßstabe. Der Mensch von heutzutage istwesentlich ein alter Mensch; der Realismus aller Art hatihm die Jugend abgestreift Alte Leute sehen auch die Dingezu sehr in der Nähe und müssen daher Brillen aufsetzen,durch welche die Gegenstände mehr in die Ferne hinaus-gerückt werden. Erst wenn die Erlebnisse in der historischenDistanz erscheinen, werden sie richtig verstanden. Wie vielbesser wird heute beurteilt als damals! Und wie vielklarer wird der Oktober 1862 vor uns stehen, wenn wir ihnum einige Jahre mögen überlebt haben! Nun gibt es aberein Surrogat für die Geschichte: das ist die Entfernung.Zeit und Raum das weiß ja im lieben Deutschland einneugeborenes Kind Zeit und Raum sind ein und das-selbe Kautschuck, nur in die Lange oder in die Breite ge-Ludwig Bamberger'S Ges. Schriften. IH. 17