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zogen, und um fünfzig Thaler Reisegeld kann sich jeder aushundert Meilen Entfernung ein Jährchen Vergangenheit prä-parieren. Dieses Mittel ist nicht zu verachten, und die rich-tige Würdigung des hier erwähnten optischen Gesetzes möchtewenigstens manchen modernen Historiker daran erinnern, daßes nicht immer reiner Profit ist, das Detailstudium bis aufden Punkt zu treiben, wo das geistige Auge mitsamt demkörperlichen in den presbytischen Zustand gerät, der bekannt-lich vor Bäumen den Wald nicht sieht. — Kurz und gut,ich meine: was eben in Berlin abgespielt worden ist, nimmtsich von Paris aus betrachtet, schon anders, schon geschicht-licher, ganzer, besser vielleicht nnd richtiger aus als dorten.
Und vor allen Dingen, daß es sich hier ausnimmt. istschon an sich ein Gewinn. Wenn Deutschland uur einmalanfängt politisch interessant zu werden, so hat es auch schoneinen Schritt gemacht; und wenn es sich dazu noch dieserJnteressantheit bewußt wird, wenn es wahrnimmt, wie esaußerhalb seiner Grenzen Aufmerksamkeit erregt, so wird ihmdas in seiner Haltung entschieden von Nutzen sein. Eitelkeitist allerdings ein schlechtes Erziehungsmotiv, allein Scham-gefühl ist der Vorläufer aller Entwicklung, und wenn wirnur einmal werden gelernt haben, uns gebührlich zu schämen,so wird uns auch das kommen, was uus eigentlich alleinfehlt: nämlich die Galle. Man spricht in Paris jetzt sehrviel von Berlin . —
Es war der erste Regentag nach einem langen Sommerund liebevollen Herbste, und zum ersten Male sammelten sichauch die Freunde wieder am häuslichen Herd. Die Fran-zosen fragten uns Deutsche gleich beim Eintritt über diepreußische Kammervertagung aus und erwarteten genau zuwissen: wie es mit den Barrikaden, mit dem Staatsstreichund mit allen sonstigen, in ihrer theatralischen Vorstellungs-weise mit diesem Ereignis notwendig verbundenen Bühnen-kunststücken ablaufen werde? Ich bemühte mich, ihnen aus-